Am Schauplatz: 100 Kilo zu viel!

154 Kilo Mensch.

Im Dezember 2018 strahlte der ORF eine Reportage über Adipositaschirurgie, nicht zuletzt im Wiener AKH, aus. Ich habe sie mir nach der OP wieder angesehen. Die handelnden Personen sind zum Teil die, die auch mich operiert haben.

Mir fällt dazu sehr viel ein, und ich habe ein bisschen mitgeschrieben.

0:55 Ich weiß nicht, ob das genau der Operationssaal ist, in dem mein SADI-S gemacht wurde, aber ziemlich genau so hat es dort ausgesehen. Allerdings waren *viel* mehr Leute dabei, ca. acht, die ich gesehen habe, und alle wollten gleichzeitig was von mir. Das Gewusel kommt auch sonst im Fernsehen überhaupt nicht rüber.

1:10 3.000 Adipositas-OPs werden jährlich in Österreich gemacht. Zum Vergleich: Hüftprothesen sind es etwa 20.000. Es kommt dabei viel auf die Erfahrung des Operateurs und des Teams an, deswegen geht man für so etwas nicht einfach irgendwo hin, weil die dort vielleicht netter sind.

1:57 Der Junge ist noch viel besser beisammen, als ich es war. Aber auch er hat das Team gleich vorgewarnt, dass weite Strecken zu Fuß nicht drin sind. Für mich war am Ende eine “weite Strecke” weniger als ein Kilometer.

3:18 Online-Lieferdienste sind Top-Enabler für eine Esssucht! Die “Droge” ist jederzeit fast sofort verfügbar. Das führt jede Strategie, die darauf beruht, dass ich gezielt nur das einkaufe, was ich wirklich brauche, ad absurdum. Für Singles ist das noch schlimmer, weil man fast immer eine Nachspeise oder, im besseren Fall, einen Salat dazu bestellt, um auf den Mindestbetrag zu kommen.

3:32 Krankheiten im Kleinkindalter: Bei mir war das ähnlich. Ich hatte ständig Angina und Mittelohrentzündung, bekam deswegen schon mit vier Jahren die Mandeln entfernt. Ab da habe ich begonnen zuzunehmen. Der Grundstein war also wahrscheinlich schon mit zwei Jahren gelegt.

5:04 Kino: Das kenne ich gut. Ins Kino gehe ich nur mit guten Freunden, die mich in die Mitte nehmen und wissen, wie viel Platz ich brauche. Neben Fremden zu sitzen geht gar nicht. Theater, Vorträge und dergleichen, wo es Sitzreihen gibt, gehen bestenfalls, wenn ich einen Platz am Rand bekomme, aber auch dann nicht immer.

7:36 Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass man das grottige Selbstwertgefühl auch überkompensieren und sich extra laut geben kann. Bei mir ist es das genaue Gegenteil: Ich bin extrem gut darin, im Hintergrund zu verschwinden und nicht beachtet zu werden. Das ist so internalisiert, dass ich das oft auch dann tue, wenn es mir eigentlich (zum Beispiel beruflich) schadet.

7:58 Oh ja, das kenn ich gut, Lokale danach auszuwählen, ob mich das Mobiliar wohl aushält. Schlimmer als Sessel sind da übrigens oft Barhocker. Ganz schlimm auch diese Rohrsessel, wie sie in vielen Gastgärten stehen, die werden nach kurzer Zeit echt schmerzhaft.

8:25 Fahrrad: Ich war knapp davor, mir ein Lastenrad zu kaufen, nur um mich selber zu transportieren. Im Geschäft wurde ich dann zum Glück exzellent beraten und erwarb mein jetziges, auch extra verstärktes Gerät. Grundsätzlich gibt es fast für jede_n auf dem Markt das passende Rad, allerdings nicht immer zu sozialverträglichen Preisen.

8:35 Da im Hintergrund am Tisch stehen eine Flasche Cola und eine Zitronenlimonade. Beides ist für mich in nächster Zeit streng verboten, nicht nur wegen des Zuckers, sondern auch wegen der Kohlensäure, die den Magen stark dehnt.

9:12 “Ich will so nicht mehr leben.” Genau der Satz war bei mir auch der Wendepunkt.

10:02 Ein bisschen Hintergrund. Adipositas ist eine Erkrankung. Bitte nicht vergessen! Man kann von dieser Sucht nicht clean werden, weil man täglich mit der “Droge” konfrontiert wird. Auch bei anderen Süchten gibt es Leute, die mit “kontrolliertem Konsum” zurecht kommen. Die Erfolgsrate liegt allerdings im Promillebereich. So ist es auch bei Adipositas.

10:35 “I woa a Würferl”. Bei mir war der Bauchumfang fast so lang wie die Körpergröße. Ich habe mir mich dann als quadratischer Bettvorleger vorgestellt.

11:10 Die Passage spricht mir aus der Seele. Natürlich werde ich auch von wildfremden Leuten auf der Straße beschimpft, früher gelegentlich auch von “Freunden” und Bekannten, die dachten, sie dürften oder sollten mir ins Gewissen reden. Nein, das ist nicht hilfreich. Ihr könnt mir nichts (Böses) sagen, das ich nicht schon weiß, und eure Abwertungen bestärken mich nicht! Tuscheln, mit dem Finger Zeigen, kommt alles vor. Was noch dazu kommt, ist, dass ich diese Dinge mit der Zeit so internalisiert hatte, dass ich den Leuten sogar recht gab und mich immer mehr versteckte, unsichtbar machte, möglichst unaufdringlich gab.

12:35 Die Diskriminierung im Alltag kann unvorstellbare Ausmaße annehmen. Das Beispiel mit dem “Bärli” ist besonders radikal, aber nicht substanziell anders als Erlebnisse, die auch andere Leute machen.

12:55 So einen “Konrolltermin” vor der OP auf der Station hatte ich nicht. Ich glaube, das war eher fürs Fernsehen inszeniert.

13:06 Der Junge hat einen BMI von 56. Meiner war noch etwas höher, knapp über 58. Die Einheit ist übrigens kg/m². Das liegt daran, dass die Körpergröße linear wächst, das Gewicht aber mit dem Volumen, also der dritten Potenz. Natürlich ist das nur ein grober Wert, der viele konkrete Gegebenheiten nicht berücksichtigt. Eine andere gute Maßzahl ist der Bauchumfang, weil sich hier das gefährlichste Fett anlegt.

13:25 Auftritt Dr. Prager. Das ist der Chirurg, der auch mich operiert hat. Gesehen habe ich ihn allerdings nur einmal für ein paar Minuten, bei der Visite am Tag nach der OP. So ein ausführliches Beratungsgespräch hatte ich nie. Das “Gespräch” wirkt auf mich auch ein bisschen geschauspielert. Stattdessen hatte ich am Tag vor der OP ein kurzes Gespräch mit der Stationsärztin, die aber keine Spezialistin war und zwischendurch auch weg musste.

13:53 ein Y-Roux (sprich “Üpsilon Ruh”) oder Roux-en-Y Magenbypass ist quasi der aktuelle Goldstandard der Adipositaschirurgie. Das heißt aber nicht, dass er für jede_n Patient_in die beste Wahl ist. Im AKH haben sie die meiste Erfahrung mit verschiedenen Methoden und entscheiden für jede_n individuell. Das ist meines Erachtens auch ein großer Vorteil gegenüber anderen Krankenhäusern, wo das Repertoire an Methoden vielleicht etwas eingeschränkter ist.

14:40 Es beginnt eine Passage, wo hinterfragt wird, warum überhaupt operiert wird. Die beste Aussage dazu kommt meines Erachtens etwas später von der Psychologin Elisabeth Ardelt-Gattinger, einer rennomierten Forscherin zu dem Thema. Wenn man alles versucht hat, ist es ein Glück, dass es diese Option auch noch gibt. Ich habe niemanden getroffen, der sich einfach so, aus Lust und Laune, unters Messer legt. Alleine die Andeutung macht mich wütend! Und es ist auch nicht leicht, danach mit der Situation umzugehen, es wird nur überhaupt erst möglich.

15:40 Das ist die Station, auf der ich war. Auf den Sesseln bin ich letzte Woche auch oft gesessen.

16:33 Dr. Prager spricht es an: Extrem Übergewichtige können noch so gut sein, wir sind am Arbeitsmarkt stark benachteiligt. Anders als Leute z. B. mit ausländisch klingenden Namen werden wir, so habe ich es zumindest wahrgenommen, zwar zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, aber wir sind dort signifikant seltener erfolgreich. Dazu kommt, dass ich mich auf bestimmte Jobs gar nicht bewerbe. Wenn ich mit wechselnden Arbeitsplätzen rechnen muss, also keinen eigenen Sessel habe, weil ich als Consultant alle paar Wochen in einer anderen Firma bin, kann ich das aktuell nicht machen. Auch Großraumbüros mit Desk Sharing sind ein No Go.

17:00 Psychologische Begleitung ist “ganz, ganz wichtig”. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich arbeite seit Jahren mit einer Therapeutin und werde sie auch weiterhin noch eine Zeit lang brauchen. Zum Glück kann ich mir das leisten. Billig ist das nämlich nicht. “…und das kriegen alle Patienten bei solchen Eingriffen.” Naja. Ein bis zwei Sitzungen, das wars. Reicht nicht annähernd, aber ja, geringfügig besser als nichts.

17:17 Die folgenden Bilder haben mich sehr erstaunt, aber im Prinzip bin ich auch so dort gelegen. Zugedeckt war ich allerdings nicht, sondern ganz nackt. In der Situation war ich aber ohnehin schon maximal exponiert, da kam es darauf auch nicht mehr an.

18:40 Wir sehen ein Krankenzimmer. Offenbar Sonderklasse. Ich war jedenfalls nicht alleine im Zimmer, und die Aussicht war auch nicht so großartig.

20:20 So extrem war es bei mir nie. Ich habe immer gearbeitet und bin dazu auch raus gegangen.

21:30 Auch so eine persönliche diätologische Beratung hatte ich nicht. Es gibt eine Gruppenschulung, allerdings findet die statt, bevor die OP-Methode feststeht. Bei meiner Methode kam dazu, dass die auch von den Fachleuten noch kaum wer im Detail kennt und eher ich erklären musste, was da genau gemacht wird.

21:32 Mein Magen ist jetzt übrigens ca. 70ml groß, also auch nicht so viel größer als die Becher, die dort stehen.

21:50 Sich zum Essen zwingen: Das haben sie mir auch gesagt, könnte ich bis jetzt aber nicht bestätigen. Ich könnte ständig essen! Die Sucht ist ja nicht weg, und Hunger hatte ich auch davor so gut wie nie. Bei mir ist die Herausforderung eher, halbwegs in gleichen zeitlichen Abständen zu essen.

26:12 Übergrößenabteilung hilft mir auch nicht wirklich weiter, weil alles, das mir um den Bauch passt, viel zu lange Hemden und Ärmel hat. Ich habe in den letzten Jahren ausschließlich bei einem von diesen Internetschneidern maßschneidern lassen.

26:45 Leberkäse! Irgendwann werde ich trotzdem einen Leberkäskrapfen probieren, wenigstens einen halben. Das wird aber noch ein paar Monate dauern. Ich bin natürlich sehr gespannt, wie das wird. Mir hilft wahrscheinlich, dass ich schon seit 2017 kein Schwein mehr esse, da scheiden viele von den regionalen Junk-Food-Angeboten von vornherein aus.

27:07 Sie beschreibt recht anschaulich, wie sie mit der Sucht umgeht. Für mich ist das natürlich Zukunftsmusik.

31:30 Ein wichtiger Punkt: Letztverantwortlich für meine Gesundheit bin ich selbst, nicht der Arzt und auch sonst niemand. Diese Verantwortung kann ich besser wahrnehmen, wenn ich mir alle Informationen hole, die ich kriegen kann. Ich schreibe diesen Blog auch, damit er vielleicht Anderen ein bisschen weiter hilft.

31:53 Die trinken Alkohol! Für mich ist das im Augenblick unvorstellbar.

33:55 Eine Diät “ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann.” Warum hat mir das nur vor 40 Jahren niemand gesagt?

34:26 Meine Operation hat auch länger gedauert als geplant, und ich weiß bis jetzt nicht, warum.

34:45 Der Magen! Schaut ihn euch an! Der hängt da wie beim Fleischhauer! Ich frage mich, wie sie den durch die winzigen Schnitte im Bauch überhaupt heraus bekommen haben. Bei meiner nächsten Kontrolle muss ich die Frage unbedingt auch stellen. Ich verstehe auch nicht genau, wieso der noch Sackform hat und nicht aufgeschnitten ist. Wenn ich es herausfinde, lasse ich es euch wissen. (Oder weiß es wer? Dann bitte um eine Erklärung in den Kommentaren.)

34:51 Der junge Chirurg am rechten Bildrand, Dr. Felsenreich, ist selbst schon ein namhafter Forscher auf dem Gebiet. Ich hatte gelegentlich bei Visiten mit ihm zu tun. Einer von denen, die auch ausgezeichnete Bedside Manners mitbringen, was leider nicht für alle gilt.

35:17 Zum Stichwort “Narkose durch Experten”: Ich bin sogar schon einige Sekunden, bevor der Tubus entfernt war, aufgewacht. Diese Erfahrung hätte ich mir an sich gerne erspart. “Putzmunter” ist allerdings nicht ganz der treffende Ausdruck.

35:42 Ich musste auch ein bisschen mithelfen, aber ich bin nicht sicher, ob mein Beitrag wirklich so hilfreich war.

35:52 Klar ist der Junge nervös. Warten musste er auch noch. Ich war zu dem Zeitpunkt knapp davor, die OP abzusagen. Zum Glück haben sie mir die Option gar nicht eröffnet.

36:08 Was Adrian da in der Hand hält, ist übrigens ein Atemtrainingsgerät. Das hatte ich in den Stunden vor der OP auch. Man soll damit vor allem stark ausatmen. Das dient dazu, den Sauerstoffgehalt in der Lunge zu erhöhen.

37:02 Natürlich sollte die Operation gut überlegt sein, und natürlich wird sie nur in speziellen Zentren vorgenommen. Ist ja nicht so, also ob das jeder Dahergelaufene einfach so könnte.

37:17 Grundsätzlich gebe ich Pilz recht, dass wir uns genau anschauen müssen, welche systemischen, gesellschaftlichen Ursachen die aktuelle Adipositas-Epidemie hat, aber wie sie es sagt, ist nahe am Harrassment. Das empfinde übrigens nicht nur ich so. Keine_r der Beteiligten lässt sich leichtfertig auf diese OP ein, und schon gar nicht bei Jugendlichen! Ob das jetzt “der Ausweg” ist oder nicht, für uns ist es die einzige verbliebene Option. Jede OP, die wegen so einer Aussage nicht gemacht wird, verursacht unnötiges menschliches Leid. In ihrer Rolle sollte sich Pilz wirklich genauer überlegen, was sie redet und vor allem, wie sie es sagt.

37:49 So eine_n Patient_in würde ich gerne kennen lernen, die oder der sich die “letzten zehn Kilo” (selbst das schon ein absurdes Konzept, bei mehr als 100 Kilo Übergewicht fällt das kaum ins – buchstäblich – Gewicht) auch noch extra angegessen hat, um dann operiert zu werden. Die von Pilz kritisierte “positive Darstellung der Adipositaschirurgie” hilft vielen von uns überhaupt erst dabei, diesen Schritt, in meinem Fall viel zu spät, zu wagen. Pilz will in der Volksschule ansetzen, und auch das wäre für mich schon zu spät gewesen. Ich wusste damals schon jede Menge über Ernährung (und Diäten), und die Sucht war zu der Zeit ebenfalls schon ausgeprägt. Ihre Programme und auch ein Werbeverbot hätte mir nicht geholfen, höchstens eine langfristig angelegte Therapie, und sogar da habe ich meine Zweifel.

38:40 Der Kinderarzt sagt das auch gleich: Prävention muss schon in der Schwangerschaft und bei Neugeborenen ansetzen. Mir ist allerdings nicht klar, wie wir die betroffenen Kinder in der Phase finden.

41:20 Ich werde natürlich auch jede Menge überschüssige Haut haben. Vor allem trage ich eine riesige Bauchschürze vor mir her, die ich unbedingt entfernen lassen möchte. Bei den Eltern einzuziehen ist für mich allerdings keine Option. Da muss ich überlegen, wie ich das machen kann.

45:53 Die Schwester finde ich übrigens super süß, und sie unterstützt ihn ganz wunderbar. Meine Geschwister machen das zum Glück genauso.

Fazit: Die gezeigten Patient_innen sind eigentlich völlig andere Menschen als ich, und dennoch haben wir so viel gemeinsam. Vielleicht schaffe ich es sogar irgendwann, mich bei der Selbsthilfegruppe zu melden. Kontaktdaten habe ich schon. Ich stehe ja noch ganz am Anfang meines Weges und habe alle Zeit der Welt.

Im freien Fall

157 Kilo Mensch.

Letzte Nacht brach im Zimmer plötzlich Hektik aus: Kurz vor zwei stürmten etwa fünf Leute in den Raum, schirmten das Nachbarbett von mir mit einem Paravent ab und begannen zu arbeiten. Wenig später wurde der gestern noch freundliche und lebenslustige Patient, der eine frische Niere erhalten und sich so gefreut hatte, dass er nicht mehr zur Dialyse muss, samt Bett aus dem Zimmer geschoben. Heute früh war sein Namensschild schon weg. Nur sein Necessaire lag noch beim Waschtisch.

Ich finde es sensationell, was die Leute im Wiener AKH heute schon alles können, und wie schnell sie viele Patient_innen wieder auf die Beine bringen, aber jede Operation birgt erhebliche Risiken und Schwierigkeiten, soviel ist klar. Man schneidet einem Menschen nicht einfach den Bauch auf und drinnen an den Organen herum, ohne dass das Konsequenzen hätte.

Da meine Operation eigentlich aus zwei im Wesentlichen unabhängigen Teilen besteht, nämlich dem Schlauchmagen und der Verkürzung des Dünndarms, sind auch die Risiken relativ weit aufgefächert. Vor allem können alle Nähte, also die im Magen ebenso wie die im Darm, reißen und aufgehen. Die Gefahr ist natürlich am Anfang am größten, aber grundsätzlich kann das sich bildende Narbengewebe auch nach Jahren noch reißen. So ein Bruch muss immer notoperiert werden und ist lebensbedrohlich. Durch den verkürzten Darm nehme ich nicht nur weniger dick machende Nährstoffe auf, sondern auch alle Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, und zwar nicht einfach linear, sondern in ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Ich muss daher ab sofort alle diese Stoffe künstlich zuführen, und zwar in Formen und Mengenverhältnissen, die dafür sorgen, dass im Blut genau die richtige Menge von jeder Zutat des Lebens verfügbar ist. Vielleicht schreibe ich dazu in einem späteren Beitrag mehr. Im Moment ist das noch etwas Zukunftsmusik.

Relativ neuen Operationsmethoden wohnt noch ein anderer, ganz logischer Nachteil inne. Der erste SADI-S wurde zwar schon 2007, also vor 12 Jahren, gemacht, aber diese Zeit reicht noch nicht, um genaue, durch belastbare Forschung belegte Erfahrungswerte zu haben, wie groß die Wahrscheinlichkeit nachteiliger Entwicklungen nach vielen Jahren ist. Magenbänder zum Beispiel werden heute nicht nur deswegen kaum mehr gemacht, weil sie nicht genug Wirkung zeigen, sondern es hat sich herausgestellt, dass diese unkomplizierte und eigentlich risikoarme Methode längerfristig durchaus auch ernsthafte Probleme erzeugt. Das Magenband kann etwa verrutschen, oder es bilden sich rundherum Verwachsungen, die im Extremfall auch erneute Operationen erforderlich machen.

Jetzt aber genug der düsteren Stimmung! Ich bin ja heute aus dem Spital entlassen worden, und es ist Zeit für eine erste Bilanz:

Ihr erinnert euch, dass ich bis zu 177 Kilo auf die Waage brachte, und dieses Abenteuer mit immer noch für gesunde Menschen unvorstellbaren 173 Kilo angetreten habe. Heute zeigte die Waage noch 157 Kilo, das sind bereits 20 weniger als der Höchstwert, und mehr als 15 weniger als mein Gewicht noch Ende Jänner. Das ist schon nicht nichts, würde ich meinen.

Ich darf vorerst damit rechnen, dass es in diesem Tempo weiter geht. Die fehlenden Langzeiterfahrungen mit einem SADI-S schlagen sich zwar auch bei diesem Thema nieder. Vor allem weiß man noch wenig darüber, ob und wie viele die Patient_innen in späteren Lebensphasen wieder zu nehmen. Grundsätzlich ist das bei allen Verfahren nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, vor allem, aber nicht nur, wenn man seinen Lebensstil nicht dauerhaft umstellt, den Magen wieder dehnt, und eine Kalorienbombe nach der anderen einwirft. Wir sprechen hier ja immer noch von der Behandlung einer Sucht, die natürlich nach wie vor besteht und auch im ganzen Rest meines Lebens nie verschwinden wird. Ich habe durchaus Gerüchte von Patienten gehört, die flüssiges Schlagobers trinken, oder von anderen, die sich von hunderten Mozartkugeln pro Tag ernährten – schön eine nach der anderen, nie zu viel auf einmal im Magen.

Die erste Zeit ist also auch aus diesem Grund eine Zeit des Lernens für mich – was kann ich meinem Körper zumuten, was verträgt er schlechter oder vielleicht gar nicht? Wie kann ich die benötigte Menge der richtigen Nährstoffe zuführen? Wie eine gefährliche Unterzuckerung verhindern?

Belohnt wird dieses Lernen, das zeigen Erfahrungswerte, zumindest in der ersten Zeit reichlich. Patienten mit einem SADI-S erzielen tendenziell einen höheren Gewichtsverlust als bei allen anderen Verfahren. Gemessen in Prozent des Übergewichts, also des Ausgangsgewichtes minus dem Normalgewicht, erzielen Menschen mit SADI-S nach dieser Studie im Durchschnitt 30% Gewichtsverlust drei Monate nach der Operation, 55% nach sechs Monaten, 70% nach 12 Monaten, und nach zwei Jahren sind sie bis zu 85% ihres Übergewichtes los. Da mein Übergewicht ziemlich genau 100 Kilo betrug, tue ich mir beim Umrechnen von Prozent auf Kilo auch relativ leicht. Wenn ich mich also gut mit der OP und der umgestellten Ernährung zurecht finde, waren die 20 Kilo, die ich bisher abgenommen habe, wirklich nur ein Vorgeschmack.

Und jetzt zum Pferdefuß der ganzen Sache: In diesem Beitrag habe ich davon geschrieben, wie ein in Zahlen ausgedrücktes Abnehmziel, besonders so ein absurd hohes, wie ich es mir stellen müsste, immer unerreichbar scheint und oft genau dadurch auch unerreichbar wird. Daran ändert die Operation einmal grundlegend nichts. Selbst Leute, die durchaus große Teile ihres Übergewichtes abgenommen haben, sind dann oft enttäuscht, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Es besteht sogar, allerdings bedingt durch mehrere Faktoren, ein erhöhtes Suizidrisiko.

Ich habe mir daher überlegt, welche anderen (nicht Ziele, sondern) Meilensteine ich mir setzen kann. Davon mehr in einem späteren Beitrag.

Das Werkstück

So, jetzt bin ich also operiert. Aber ich greife vor.

Sonntag, pünktlich um 9 Uhr, war ich auf der Station 21B, Allgemeine Chirurgie im Wiener AKH gestellt. Ich nahm die übliche Pose des hilflos Umherirrenden ein und wurde bald von einer Schwester in mein Zimmer geführt.

Warum ich schon einen Tag vor der OP im Haus sein musste? Tut mir leid, da muss ich passen. An den drei etwa zehnminütigen Gesprächen, die ich an diesem Tag geführt habe, kann es wohl nicht liegen. In einem Gespräch mit einer Stationsärztin ging es hauptsächlich um weitere Aufklärung, was gemacht wird, wie lang die Operation dauert, was die Risiken sind. Der Anästhesist warnte mich vor, dass man die Narkose schnell einleiten müsse, d. h. ich bekäme im Wachzustand ohne Narkosegas gleich das Narkosemittel gespritzt. “Das wird brennen in der Vene, das heißt, es wird sehr weh tun, aber Sie werden sich danach nicht daran erinnern.” Na dann.

Die zwei Mahlzeiten des Tages bestanden hauptsächlich aus Kohlenhydraten, also ließ ich sie stehen und kaufte mir lieber beim Spar eine Packung Sauermilch als Henkersmahlzeit.

Nach einer recht unangenehmen Nacht – aber sind das Nächte im Krankenhaus nicht immer – war der große Tag gekommen. Meine OP war für ca, 11 Uhr angesetzt, also überraschte mich der Träger, der mich schon um neun in den Saal bringen wollte, unter der Dusche. Ich beeilte mich und wurde in den Aufwachraum gebracht, wo mir erst einmal eine Kanüle gesetzt wurde. Danach hieß es warten…

Ich hatte es mir gerade anders überlegt und wollte das Personal von meiner Entscheidung, die Operation doch nicht machen zu lassen, in Kenntnis setzen, da ging es los. Ein Träger schob mein Bett zu einer Art Durchreiche, wo ich von zwei Helfern auf den OP-Tisch verfrachtet und mit diesem in den Operationssaal geschoben wurde. Man schnallte mich auf eine Art Anti-Masturbation-Cross (googelt es, wenn ihr es nicht kennt), allerdings mit gespreizten Beinen. Als die Umstehenden mit meiner Position zufrieden waren – ich wurde nicht gefragt – kam schon der Anästhesis mit dem Narkosemittel. Es war kühl, tat eigentlich nicht weh, und ich kann mich daran erinnern, wie es langsam durch die Vene meinen Arm hinauf kroch.

Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist eine drängende Atemnot. Ich öffnete die Augen und konnte zusehen, wie mir jemand einen durchsichtigen Tubus aus dem Hals zog. Alles klar! Ich war trotzdem froh, als ich wieder Luft holen konnte.

In den zwei Stunden im Aufwachraum – die OP hatte länger gedauert als geplant, warum wurde mir nicht mitgeteilt – kam ich langsam zur Besinnung. Gegen 17 Uhr wurde ein lungentransplantierter Patient herein geschoben, für den auf der Intensivstation kein Platz war, weil da ein Kind lag, für das auf der Kinder-Intensivstation kein Platz war. Das alles wurde im Ton höchster Erregung und in entsprechender Lautstärke debattiert. Man beschloss, auf mich verzichten zu können, und ich kam wieder auf die Station.

Dort bat ich um ein Schmerzmittel, das mir auch versprochen wurde, allerdings später, man mache gerade Dienstübergabe. “”Später” wurde “viel später”, und bevor es ganz in “nie” überzugehen drohte, wiederholte ich meine Bitte und bekam die heißersehnte Infusion.

Im Prinzip ging es mir gut, allerdings gab es eine kleine Komplikation. Der frisch zugeschnittene Magen neigte dazu, sich alle paar Minuten für kurze Zeit zu verkrampfen, und das schmerzte höllisch. Es ging schon den ganzen Nachmittag so, also machte ich mir langsam Sorgen. Erst am nächsten Tag bei der Visite, bei der ich auch meinen Operateur erstmals zu Gesicht bekam, wurde mir erklärt, woran das liegt: Man musste, um zwischen dem vielen Fett einen besseren Blick auf meine Organe zu haben, meinen Bauch mit Kohlendioxid aufblasen, und das drückt jetzt auf den Magen. Wie das genau abgeht, ist mir allerdings nicht klar.

Dienstag früh geht es mir nicht viel besser. Der erste Tag meines neuen Lebens beginnt mit Harndrang. Der Pfleger hilft mir aufs WC – ich durfte schon gestern Abend kurz aufstehen – und lässt mich dann da sitzen, also finde ich meinen Weg ins Zimmer ungeplant aber erfolgreich alleine. Bei der Visite folgt eine Ermahnung, es beim Trinken nicht zu übertreiben. Man müsse erst kontrollieren, ob alles dicht sein. Das passiert im Lauf des Vormittags beim Röntgen. Das Erlebnis bekomme ich nicht mitgeteilt – Spricht etwa ein Handwerker mit seinen Werkstück? – aber ich bekomme ein Mittagessen und später auch ein Abendessen – beides in flüssiger Form. Ich weiß nicht, wie groß mein Magen jetzt ist, aber mehr als ein Achtelliter wird es auf keinen Fall sein, also gehe ich es vorsichtig an. Getrunken wird schluckweise und mit einem gewissen zeitlichen Respektabstand zu den Mahlzeiten. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Ich bin sehr durstig, aber die Flüssigkeit, die mein Körper benötigt, bekomme ich heute noch intravenös, also reicht es, gelegentlich den Mund zu befeuchten und hinunter zu schlucken.

Jetzt, am Abend, sitze ich alleine im Zimmer – der Mitgefangene wird operiert und verbringt die Nacht und wohl auch die nächsten Tage auf der Intensivstation -, schlage mir den Bauch mit einer sehr dünnen Petersiliencremesuppe voll und verfasse diesen Beitrag. Es geht mir doch blendend. Wieder ein erfolgreicher Tag für die Chirurgie im AKH.