Zäh wie Kaugummi

148 Kilo Mensch.

Findet ihr das auch so blöd wie ich, wenn in irgendwelchen Illustrierten irgendwelche Diäten beworben werden und dann davon die Rede ist, dass “die Kilos purzeln”? Es ist ja nicht so, also würden mir dauernd irgendwelche Brocken aus dem Hemd fallen. Nein, das Abnehmen ist direkt überhaupt nicht spürbar. Ich steige jeden Tag auf die Waage, und es ist immer spannend. Aber auch wenn gar nichts purzelt: In den letzten 10 Tagen habe ich 8 Kilo abgenommen.

Chart: 148 Kilo
148 Kilo

Jetzt die schlechte Nachricht: Das ist mehr, als eigentlich gut für mich wäre, und das hat auch einen Grund. Ich konnte die letzte Woche kaum etwas essen. Eigentlich hätte ich erwartet, dass die Nahrungsaufnahme mit jeder Woche nach der Operation ein bisschen leichter würde, aber das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Mir wird schon beim Gedanken an Essen schlecht.

Dabei denke ich dauernd ans Essen! Ihr dürft nicht vergessen, ich bin ja esssüchtig, und die Sucht ist noch da. Bei mir äußert sich das in ständigen Cravings, also dem unbändigen Verlangen nach bestimmten Speisen. Ein Steak mit Pommes! Ein Burger vom Mäci! (Ich gehe sonst nie zu McDonalds.) Eine riesige Salatschüssel! Schwarzbrot! Gefühlt kommt alle halben Stunden ein anderes Craving, natürlich alles nach Sachen, die ich unmöglich essen könnte, und dann wird mir schlecht. Ja, wirklich. Es war nicht übertrieben, dass mir beim Gedanken an Essen schlecht wird.

Dabei begänne jetzt, drei Wochen nach der Operation, langsam die Phase der Übergangskost. Ich dürfte zwar noch immer nicht alles essen, aber ich müsste mich nicht mehr auf breiig-weiche Kost beschränken. Ein Grahamweckerl mit etwas Butter und Schinken wäre durchaus drin. Okay, ein halbes. Ich träume davon, und gleichzeitig kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen.

Wie versuche ich mich also über diese Zeit drüber zu retten? Während ich diese Zeilen schreibe, bearbeite ich seit zwei Stunden einen Becher Cottage Cheese. Auf einmal könnte mein Magen die Menge natürlich nicht verkraften, aber verteilt auf drei Portionen mit entsprechenden Pausen schaffe ich das und kann das Essen auch drin behalten. Voraussetzung ist natürlich, dass der Magen vorher wirklich leer ist, und das bedeutet auch, dass ich eine halbe Stunde vorher nichts trinken darf. Wasser braucht schließlich auch Platz im Magen.

Wenn gar nichts Anderes mehr hilft, greife ich auf die Proteindrinks zurück, die ich vor der OP schon hatte. (Vergleichbare Produkte von anderen Anbietern.) Von denen wird mir zwar auch schlecht, wenn ich sie nicht klein genug dosiere, und auf die Dauer ist das keine Lösung. Ich soll ja irgendwann auch wieder richtig essen, und das will, so seltsam es klingt, gelernt werden. Aber sie sind grundsätzlich zur Vollernährung geeignet, das heißt, sie enthalten alle wichtigen Nährstoffe, vor allem auch viel Eiweiß, und auch genügend Kalorien.

Ihr findet es vielleicht schwer vorstellbar, dass ich mir jetzt Sorgen mache, überhaupt genug Kalorien zu mir zu nehmen – Hallo? Wolltest du nicht abnehmen? –, aber es gab in den letzten Wochen Tage, da bin ich nicht über 300 Kalorien hinaus gekommen, und das ist einfach zu wenig. Ich bin dann nicht nur schwach und wackelig auf den Beinen, ich spüre auch, wie der Körper Schwierigkeiten hat, die nötige Betriebstemperatur aufrecht zu erhalten. Damit meine ich nicht, dass die Kerntemperatur absinkt, aber ich spüre, wie Finger und Zehen schlecht durchblutet sind.

Mein Blutzucker ist nicht auffällig niedrig. Das ist einerseits gut, ich bin nicht akut beeinträchtigt oder gefährdet. Andererseits ist der Körper sehr gut darin, den Zuckerspiegel stabil zu halten und wandelt sich zur Not selbst in Zucker um, und zwar nicht nur das reichlich vorhandene Fett, sondern auch die Muskulatur, und diese Aussicht gefällt mir weniger. Meine Muskeln sind überhaupt recht unglücklich damit, wie ich sie behandle, vor allem, wenn ich sie auch noch benutzen will. Ich soll möglichst viel spazieren gehen, und das tut mir auch gut. “Möglichst viel” bedeutet in dem Zusammenhang etwa zwei Runden im nahen Park, mit einer ausgiebigen Pause dazwischen. Das traue ich mich aktuell nur in Begleitung. Nicht, weil ich glaube, dass ich gleich zusammen breche, aber Muskeln, die ich verwende, neigen dazu, sich immer wieder kurz zu verkrampfen; nicht arg schmerzhaft, aber doch immer wieder für ein paar Sekunden, als wollten sie mir sagen, he, du willst, dass wir für dich arbeiten, aber du lässt uns hungern, so geht das nicht!

Ich wusste natürlich vor der OP, dass es nicht leicht wird, und das sage ich mir jetzt auch immer wieder. Jetzt ist eben diese Phase, die schwierig und mühsam ist, die sich auch zieht wie ein Kaugummi. Es gibt schon positive Erlebnisse: Die Werte auf der Waage sind sehr zufriedenstellend, und ich habe schon Kleidung hervor gekramt, die ich zuletzt etwa 2012 anhatte. Diese Erfolge sind aber, und das darf mich nicht überraschen, hart erkämpft, jeden Tag.

Wie geht es jetzt weiter? Ich habe keine Ahnung, wie lang diese Phase dauert, und wann es spürbar besser wird. Eigentlich wollte ich spätestens nächste Woche wieder arbeiten gehen, und in einer Woche kann viel passieren, aber nach heutigem Stand kann ich mir noch nicht vorstellen, wie ich eine 40-Stunden-Woche schaffen soll. Natürlich steht im Vordergrund, dass ich mich erst stabilisieren muss. Auch die Firma hat nichts davon, wenn ich zwar die verlangte Zeit im Büro sitze, dort aber eigentlich nichts Produktives leisten kann. Erst recht nicht, wenn ich diesen Zustand durch zu viel Ehrgeiz unnötig verlängere. Zum Glück arbeite ich in einem Umfeld, das das ähnlich sieht und mich unterstützt.

A propos Unterstützung: Ich würde das alles viel schwerer durchhalten, wenn ich nicht Familie und Freund_innen hätten, die in dieser Zeit großartig für mich da sind. Ich bekomme zwar nicht mehr täglich Besuch, aber doch immer wieder, und wenn ich um Hilfe bitte, ist immer jemand da. Ihr seid großartig, und ich weiß das sehr zu schätzen.

Am Schauplatz: 100 Kilo zu viel!

154 Kilo Mensch.

Im Dezember 2018 strahlte der ORF eine Reportage über Adipositaschirurgie, nicht zuletzt im Wiener AKH, aus. Ich habe sie mir nach der OP wieder angesehen. Die handelnden Personen sind zum Teil die, die auch mich operiert haben.

Mir fällt dazu sehr viel ein, und ich habe ein bisschen mitgeschrieben.

0:55 Ich weiß nicht, ob das genau der Operationssaal ist, in dem mein SADI-S gemacht wurde, aber ziemlich genau so hat es dort ausgesehen. Allerdings waren *viel* mehr Leute dabei, ca. acht, die ich gesehen habe, und alle wollten gleichzeitig was von mir. Das Gewusel kommt auch sonst im Fernsehen überhaupt nicht rüber.

1:10 3.000 Adipositas-OPs werden jährlich in Österreich gemacht. Zum Vergleich: Hüftprothesen sind es etwa 20.000. Es kommt dabei viel auf die Erfahrung des Operateurs und des Teams an, deswegen geht man für so etwas nicht einfach irgendwo hin, weil die dort vielleicht netter sind.

1:57 Der Junge ist noch viel besser beisammen, als ich es war. Aber auch er hat das Team gleich vorgewarnt, dass weite Strecken zu Fuß nicht drin sind. Für mich war am Ende eine “weite Strecke” weniger als ein Kilometer.

3:18 Online-Lieferdienste sind Top-Enabler für eine Esssucht! Die “Droge” ist jederzeit fast sofort verfügbar. Das führt jede Strategie, die darauf beruht, dass ich gezielt nur das einkaufe, was ich wirklich brauche, ad absurdum. Für Singles ist das noch schlimmer, weil man fast immer eine Nachspeise oder, im besseren Fall, einen Salat dazu bestellt, um auf den Mindestbetrag zu kommen.

3:32 Krankheiten im Kleinkindalter: Bei mir war das ähnlich. Ich hatte ständig Angina und Mittelohrentzündung, bekam deswegen schon mit vier Jahren die Mandeln entfernt. Ab da habe ich begonnen zuzunehmen. Der Grundstein war also wahrscheinlich schon mit zwei Jahren gelegt.

5:04 Kino: Das kenne ich gut. Ins Kino gehe ich nur mit guten Freunden, die mich in die Mitte nehmen und wissen, wie viel Platz ich brauche. Neben Fremden zu sitzen geht gar nicht. Theater, Vorträge und dergleichen, wo es Sitzreihen gibt, gehen bestenfalls, wenn ich einen Platz am Rand bekomme, aber auch dann nicht immer.

7:36 Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass man das grottige Selbstwertgefühl auch überkompensieren und sich extra laut geben kann. Bei mir ist es das genaue Gegenteil: Ich bin extrem gut darin, im Hintergrund zu verschwinden und nicht beachtet zu werden. Das ist so internalisiert, dass ich das oft auch dann tue, wenn es mir eigentlich (zum Beispiel beruflich) schadet.

7:58 Oh ja, das kenn ich gut, Lokale danach auszuwählen, ob mich das Mobiliar wohl aushält. Schlimmer als Sessel sind da übrigens oft Barhocker. Ganz schlimm auch diese Rohrsessel, wie sie in vielen Gastgärten stehen, die werden nach kurzer Zeit echt schmerzhaft.

8:25 Fahrrad: Ich war knapp davor, mir ein Lastenrad zu kaufen, nur um mich selber zu transportieren. Im Geschäft wurde ich dann zum Glück exzellent beraten und erwarb mein jetziges, auch extra verstärktes Gerät. Grundsätzlich gibt es fast für jede_n auf dem Markt das passende Rad, allerdings nicht immer zu sozialverträglichen Preisen.

8:35 Da im Hintergrund am Tisch stehen eine Flasche Cola und eine Zitronenlimonade. Beides ist für mich in nächster Zeit streng verboten, nicht nur wegen des Zuckers, sondern auch wegen der Kohlensäure, die den Magen stark dehnt.

9:12 “Ich will so nicht mehr leben.” Genau der Satz war bei mir auch der Wendepunkt.

10:02 Ein bisschen Hintergrund. Adipositas ist eine Erkrankung. Bitte nicht vergessen! Man kann von dieser Sucht nicht clean werden, weil man täglich mit der “Droge” konfrontiert wird. Auch bei anderen Süchten gibt es Leute, die mit “kontrolliertem Konsum” zurecht kommen. Die Erfolgsrate liegt allerdings im Promillebereich. So ist es auch bei Adipositas.

10:35 “I woa a Würferl”. Bei mir war der Bauchumfang fast so lang wie die Körpergröße. Ich habe mir mich dann als quadratischer Bettvorleger vorgestellt.

11:10 Die Passage spricht mir aus der Seele. Natürlich werde ich auch von wildfremden Leuten auf der Straße beschimpft, früher gelegentlich auch von “Freunden” und Bekannten, die dachten, sie dürften oder sollten mir ins Gewissen reden. Nein, das ist nicht hilfreich. Ihr könnt mir nichts (Böses) sagen, das ich nicht schon weiß, und eure Abwertungen bestärken mich nicht! Tuscheln, mit dem Finger Zeigen, kommt alles vor. Was noch dazu kommt, ist, dass ich diese Dinge mit der Zeit so internalisiert hatte, dass ich den Leuten sogar recht gab und mich immer mehr versteckte, unsichtbar machte, möglichst unaufdringlich gab.

12:35 Die Diskriminierung im Alltag kann unvorstellbare Ausmaße annehmen. Das Beispiel mit dem “Bärli” ist besonders radikal, aber nicht substanziell anders als Erlebnisse, die auch andere Leute machen.

12:55 So einen “Konrolltermin” vor der OP auf der Station hatte ich nicht. Ich glaube, das war eher fürs Fernsehen inszeniert.

13:06 Der Junge hat einen BMI von 56. Meiner war noch etwas höher, knapp über 58. Die Einheit ist übrigens kg/m². Das liegt daran, dass die Körpergröße linear wächst, das Gewicht aber mit dem Volumen, also der dritten Potenz. Natürlich ist das nur ein grober Wert, der viele konkrete Gegebenheiten nicht berücksichtigt. Eine andere gute Maßzahl ist der Bauchumfang, weil sich hier das gefährlichste Fett anlegt.

13:25 Auftritt Dr. Prager. Das ist der Chirurg, der auch mich operiert hat. Gesehen habe ich ihn allerdings nur einmal für ein paar Minuten, bei der Visite am Tag nach der OP. So ein ausführliches Beratungsgespräch hatte ich nie. Das “Gespräch” wirkt auf mich auch ein bisschen geschauspielert. Stattdessen hatte ich am Tag vor der OP ein kurzes Gespräch mit der Stationsärztin, die aber keine Spezialistin war und zwischendurch auch weg musste.

13:53 ein Y-Roux (sprich “Üpsilon Ruh”) oder Roux-en-Y Magenbypass ist quasi der aktuelle Goldstandard der Adipositaschirurgie. Das heißt aber nicht, dass er für jede_n Patient_in die beste Wahl ist. Im AKH haben sie die meiste Erfahrung mit verschiedenen Methoden und entscheiden für jede_n individuell. Das ist meines Erachtens auch ein großer Vorteil gegenüber anderen Krankenhäusern, wo das Repertoire an Methoden vielleicht etwas eingeschränkter ist.

14:40 Es beginnt eine Passage, wo hinterfragt wird, warum überhaupt operiert wird. Die beste Aussage dazu kommt meines Erachtens etwas später von der Psychologin Elisabeth Ardelt-Gattinger, einer rennomierten Forscherin zu dem Thema. Wenn man alles versucht hat, ist es ein Glück, dass es diese Option auch noch gibt. Ich habe niemanden getroffen, der sich einfach so, aus Lust und Laune, unters Messer legt. Alleine die Andeutung macht mich wütend! Und es ist auch nicht leicht, danach mit der Situation umzugehen, es wird nur überhaupt erst möglich.

15:40 Das ist die Station, auf der ich war. Auf den Sesseln bin ich letzte Woche auch oft gesessen.

16:33 Dr. Prager spricht es an: Extrem Übergewichtige können noch so gut sein, wir sind am Arbeitsmarkt stark benachteiligt. Anders als Leute z. B. mit ausländisch klingenden Namen werden wir, so habe ich es zumindest wahrgenommen, zwar zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, aber wir sind dort signifikant seltener erfolgreich. Dazu kommt, dass ich mich auf bestimmte Jobs gar nicht bewerbe. Wenn ich mit wechselnden Arbeitsplätzen rechnen muss, also keinen eigenen Sessel habe, weil ich als Consultant alle paar Wochen in einer anderen Firma bin, kann ich das aktuell nicht machen. Auch Großraumbüros mit Desk Sharing sind ein No Go.

17:00 Psychologische Begleitung ist “ganz, ganz wichtig”. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich arbeite seit Jahren mit einer Therapeutin und werde sie auch weiterhin noch eine Zeit lang brauchen. Zum Glück kann ich mir das leisten. Billig ist das nämlich nicht. “…und das kriegen alle Patienten bei solchen Eingriffen.” Naja. Ein bis zwei Sitzungen, das wars. Reicht nicht annähernd, aber ja, geringfügig besser als nichts.

17:17 Die folgenden Bilder haben mich sehr erstaunt, aber im Prinzip bin ich auch so dort gelegen. Zugedeckt war ich allerdings nicht, sondern ganz nackt. In der Situation war ich aber ohnehin schon maximal exponiert, da kam es darauf auch nicht mehr an.

18:40 Wir sehen ein Krankenzimmer. Offenbar Sonderklasse. Ich war jedenfalls nicht alleine im Zimmer, und die Aussicht war auch nicht so großartig.

20:20 So extrem war es bei mir nie. Ich habe immer gearbeitet und bin dazu auch raus gegangen.

21:30 Auch so eine persönliche diätologische Beratung hatte ich nicht. Es gibt eine Gruppenschulung, allerdings findet die statt, bevor die OP-Methode feststeht. Bei meiner Methode kam dazu, dass die auch von den Fachleuten noch kaum wer im Detail kennt und eher ich erklären musste, was da genau gemacht wird.

21:32 Mein Magen ist jetzt übrigens ca. 70ml groß, also auch nicht so viel größer als die Becher, die dort stehen.

21:50 Sich zum Essen zwingen: Das haben sie mir auch gesagt, könnte ich bis jetzt aber nicht bestätigen. Ich könnte ständig essen! Die Sucht ist ja nicht weg, und Hunger hatte ich auch davor so gut wie nie. Bei mir ist die Herausforderung eher, halbwegs in gleichen zeitlichen Abständen zu essen.

26:12 Übergrößenabteilung hilft mir auch nicht wirklich weiter, weil alles, das mir um den Bauch passt, viel zu lange Hemden und Ärmel hat. Ich habe in den letzten Jahren ausschließlich bei einem von diesen Internetschneidern maßschneidern lassen.

26:45 Leberkäse! Irgendwann werde ich trotzdem einen Leberkäskrapfen probieren, wenigstens einen halben. Das wird aber noch ein paar Monate dauern. Ich bin natürlich sehr gespannt, wie das wird. Mir hilft wahrscheinlich, dass ich schon seit 2017 kein Schwein mehr esse, da scheiden viele von den regionalen Junk-Food-Angeboten von vornherein aus.

27:07 Sie beschreibt recht anschaulich, wie sie mit der Sucht umgeht. Für mich ist das natürlich Zukunftsmusik.

31:30 Ein wichtiger Punkt: Letztverantwortlich für meine Gesundheit bin ich selbst, nicht der Arzt und auch sonst niemand. Diese Verantwortung kann ich besser wahrnehmen, wenn ich mir alle Informationen hole, die ich kriegen kann. Ich schreibe diesen Blog auch, damit er vielleicht Anderen ein bisschen weiter hilft.

31:53 Die trinken Alkohol! Für mich ist das im Augenblick unvorstellbar.

33:55 Eine Diät “ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann.” Warum hat mir das nur vor 40 Jahren niemand gesagt?

34:26 Meine Operation hat auch länger gedauert als geplant, und ich weiß bis jetzt nicht, warum.

34:45 Der Magen! Schaut ihn euch an! Der hängt da wie beim Fleischhauer! Ich frage mich, wie sie den durch die winzigen Schnitte im Bauch überhaupt heraus bekommen haben. Bei meiner nächsten Kontrolle muss ich die Frage unbedingt auch stellen. Ich verstehe auch nicht genau, wieso der noch Sackform hat und nicht aufgeschnitten ist. Wenn ich es herausfinde, lasse ich es euch wissen. (Oder weiß es wer? Dann bitte um eine Erklärung in den Kommentaren.)

34:51 Der junge Chirurg am rechten Bildrand, Dr. Felsenreich, ist selbst schon ein namhafter Forscher auf dem Gebiet. Ich hatte gelegentlich bei Visiten mit ihm zu tun. Einer von denen, die auch ausgezeichnete Bedside Manners mitbringen, was leider nicht für alle gilt.

35:17 Zum Stichwort “Narkose durch Experten”: Ich bin sogar schon einige Sekunden, bevor der Tubus entfernt war, aufgewacht. Diese Erfahrung hätte ich mir an sich gerne erspart. “Putzmunter” ist allerdings nicht ganz der treffende Ausdruck.

35:42 Ich musste auch ein bisschen mithelfen, aber ich bin nicht sicher, ob mein Beitrag wirklich so hilfreich war.

35:52 Klar ist der Junge nervös. Warten musste er auch noch. Ich war zu dem Zeitpunkt knapp davor, die OP abzusagen. Zum Glück haben sie mir die Option gar nicht eröffnet.

36:08 Was Adrian da in der Hand hält, ist übrigens ein Atemtrainingsgerät. Das hatte ich in den Stunden vor der OP auch. Man soll damit vor allem stark ausatmen. Das dient dazu, den Sauerstoffgehalt in der Lunge zu erhöhen.

37:02 Natürlich sollte die Operation gut überlegt sein, und natürlich wird sie nur in speziellen Zentren vorgenommen. Ist ja nicht so, also ob das jeder Dahergelaufene einfach so könnte.

37:17 Grundsätzlich gebe ich Pilz recht, dass wir uns genau anschauen müssen, welche systemischen, gesellschaftlichen Ursachen die aktuelle Adipositas-Epidemie hat, aber wie sie es sagt, ist nahe am Harrassment. Das empfinde übrigens nicht nur ich so. Keine_r der Beteiligten lässt sich leichtfertig auf diese OP ein, und schon gar nicht bei Jugendlichen! Ob das jetzt “der Ausweg” ist oder nicht, für uns ist es die einzige verbliebene Option. Jede OP, die wegen so einer Aussage nicht gemacht wird, verursacht unnötiges menschliches Leid. In ihrer Rolle sollte sich Pilz wirklich genauer überlegen, was sie redet und vor allem, wie sie es sagt.

37:49 So eine_n Patient_in würde ich gerne kennen lernen, die oder der sich die “letzten zehn Kilo” (selbst das schon ein absurdes Konzept, bei mehr als 100 Kilo Übergewicht fällt das kaum ins – buchstäblich – Gewicht) auch noch extra angegessen hat, um dann operiert zu werden. Die von Pilz kritisierte “positive Darstellung der Adipositaschirurgie” hilft vielen von uns überhaupt erst dabei, diesen Schritt, in meinem Fall viel zu spät, zu wagen. Pilz will in der Volksschule ansetzen, und auch das wäre für mich schon zu spät gewesen. Ich wusste damals schon jede Menge über Ernährung (und Diäten), und die Sucht war zu der Zeit ebenfalls schon ausgeprägt. Ihre Programme und auch ein Werbeverbot hätte mir nicht geholfen, höchstens eine langfristig angelegte Therapie, und sogar da habe ich meine Zweifel.

38:40 Der Kinderarzt sagt das auch gleich: Prävention muss schon in der Schwangerschaft und bei Neugeborenen ansetzen. Mir ist allerdings nicht klar, wie wir die betroffenen Kinder in der Phase finden.

41:20 Ich werde natürlich auch jede Menge überschüssige Haut haben. Vor allem trage ich eine riesige Bauchschürze vor mir her, die ich unbedingt entfernen lassen möchte. Bei den Eltern einzuziehen ist für mich allerdings keine Option. Da muss ich überlegen, wie ich das machen kann.

45:53 Die Schwester finde ich übrigens super süß, und sie unterstützt ihn ganz wunderbar. Meine Geschwister machen das zum Glück genauso.

Fazit: Die gezeigten Patient_innen sind eigentlich völlig andere Menschen als ich, und dennoch haben wir so viel gemeinsam. Vielleicht schaffe ich es sogar irgendwann, mich bei der Selbsthilfegruppe zu melden. Kontaktdaten habe ich schon. Ich stehe ja noch ganz am Anfang meines Weges und habe alle Zeit der Welt.

Im freien Fall

157 Kilo Mensch.

Letzte Nacht brach im Zimmer plötzlich Hektik aus: Kurz vor zwei stürmten etwa fünf Leute in den Raum, schirmten das Nachbarbett von mir mit einem Paravent ab und begannen zu arbeiten. Wenig später wurde der gestern noch freundliche und lebenslustige Patient, der eine frische Niere erhalten und sich so gefreut hatte, dass er nicht mehr zur Dialyse muss, samt Bett aus dem Zimmer geschoben. Heute früh war sein Namensschild schon weg. Nur sein Necessaire lag noch beim Waschtisch.

Ich finde es sensationell, was die Leute im Wiener AKH heute schon alles können, und wie schnell sie viele Patient_innen wieder auf die Beine bringen, aber jede Operation birgt erhebliche Risiken und Schwierigkeiten, soviel ist klar. Man schneidet einem Menschen nicht einfach den Bauch auf und drinnen an den Organen herum, ohne dass das Konsequenzen hätte.

Da meine Operation eigentlich aus zwei im Wesentlichen unabhängigen Teilen besteht, nämlich dem Schlauchmagen und der Verkürzung des Dünndarms, sind auch die Risiken relativ weit aufgefächert. Vor allem können alle Nähte, also die im Magen ebenso wie die im Darm, reißen und aufgehen. Die Gefahr ist natürlich am Anfang am größten, aber grundsätzlich kann das sich bildende Narbengewebe auch nach Jahren noch reißen. So ein Bruch muss immer notoperiert werden und ist lebensbedrohlich. Durch den verkürzten Darm nehme ich nicht nur weniger dick machende Nährstoffe auf, sondern auch alle Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, und zwar nicht einfach linear, sondern in ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Ich muss daher ab sofort alle diese Stoffe künstlich zuführen, und zwar in Formen und Mengenverhältnissen, die dafür sorgen, dass im Blut genau die richtige Menge von jeder Zutat des Lebens verfügbar ist. Vielleicht schreibe ich dazu in einem späteren Beitrag mehr. Im Moment ist das noch etwas Zukunftsmusik.

Relativ neuen Operationsmethoden wohnt noch ein anderer, ganz logischer Nachteil inne. Der erste SADI-S wurde zwar schon 2007, also vor 12 Jahren, gemacht, aber diese Zeit reicht noch nicht, um genaue, durch belastbare Forschung belegte Erfahrungswerte zu haben, wie groß die Wahrscheinlichkeit nachteiliger Entwicklungen nach vielen Jahren ist. Magenbänder zum Beispiel werden heute nicht nur deswegen kaum mehr gemacht, weil sie nicht genug Wirkung zeigen, sondern es hat sich herausgestellt, dass diese unkomplizierte und eigentlich risikoarme Methode längerfristig durchaus auch ernsthafte Probleme erzeugt. Das Magenband kann etwa verrutschen, oder es bilden sich rundherum Verwachsungen, die im Extremfall auch erneute Operationen erforderlich machen.

Jetzt aber genug der düsteren Stimmung! Ich bin ja heute aus dem Spital entlassen worden, und es ist Zeit für eine erste Bilanz:

Ihr erinnert euch, dass ich bis zu 177 Kilo auf die Waage brachte, und dieses Abenteuer mit immer noch für gesunde Menschen unvorstellbaren 173 Kilo angetreten habe. Heute zeigte die Waage noch 157 Kilo, das sind bereits 20 weniger als der Höchstwert, und mehr als 15 weniger als mein Gewicht noch Ende Jänner. Das ist schon nicht nichts, würde ich meinen.

Ich darf vorerst damit rechnen, dass es in diesem Tempo weiter geht. Die fehlenden Langzeiterfahrungen mit einem SADI-S schlagen sich zwar auch bei diesem Thema nieder. Vor allem weiß man noch wenig darüber, ob und wie viele die Patient_innen in späteren Lebensphasen wieder zu nehmen. Grundsätzlich ist das bei allen Verfahren nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, vor allem, aber nicht nur, wenn man seinen Lebensstil nicht dauerhaft umstellt, den Magen wieder dehnt, und eine Kalorienbombe nach der anderen einwirft. Wir sprechen hier ja immer noch von der Behandlung einer Sucht, die natürlich nach wie vor besteht und auch im ganzen Rest meines Lebens nie verschwinden wird. Ich habe durchaus Gerüchte von Patienten gehört, die flüssiges Schlagobers trinken, oder von anderen, die sich von hunderten Mozartkugeln pro Tag ernährten – schön eine nach der anderen, nie zu viel auf einmal im Magen.

Die erste Zeit ist also auch aus diesem Grund eine Zeit des Lernens für mich – was kann ich meinem Körper zumuten, was verträgt er schlechter oder vielleicht gar nicht? Wie kann ich die benötigte Menge der richtigen Nährstoffe zuführen? Wie eine gefährliche Unterzuckerung verhindern?

Belohnt wird dieses Lernen, das zeigen Erfahrungswerte, zumindest in der ersten Zeit reichlich. Patienten mit einem SADI-S erzielen tendenziell einen höheren Gewichtsverlust als bei allen anderen Verfahren. Gemessen in Prozent des Übergewichts, also des Ausgangsgewichtes minus dem Normalgewicht, erzielen Menschen mit SADI-S nach dieser Studie im Durchschnitt 30% Gewichtsverlust drei Monate nach der Operation, 55% nach sechs Monaten, 70% nach 12 Monaten, und nach zwei Jahren sind sie bis zu 85% ihres Übergewichtes los. Da mein Übergewicht ziemlich genau 100 Kilo betrug, tue ich mir beim Umrechnen von Prozent auf Kilo auch relativ leicht. Wenn ich mich also gut mit der OP und der umgestellten Ernährung zurecht finde, waren die 20 Kilo, die ich bisher abgenommen habe, wirklich nur ein Vorgeschmack.

Und jetzt zum Pferdefuß der ganzen Sache: In diesem Beitrag habe ich davon geschrieben, wie ein in Zahlen ausgedrücktes Abnehmziel, besonders so ein absurd hohes, wie ich es mir stellen müsste, immer unerreichbar scheint und oft genau dadurch auch unerreichbar wird. Daran ändert die Operation einmal grundlegend nichts. Selbst Leute, die durchaus große Teile ihres Übergewichtes abgenommen haben, sind dann oft enttäuscht, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Es besteht sogar, allerdings bedingt durch mehrere Faktoren, ein erhöhtes Suizidrisiko.

Ich habe mir daher überlegt, welche anderen (nicht Ziele, sondern) Meilensteine ich mir setzen kann. Davon mehr in einem späteren Beitrag.