Am Schauplatz: 100 Kilo zu viel!

154 Kilo Mensch.

Im Dezember 2018 strahlte der ORF eine Reportage über Adipositaschirurgie, nicht zuletzt im Wiener AKH, aus. Ich habe sie mir nach der OP wieder angesehen. Die handelnden Personen sind zum Teil die, die auch mich operiert haben.

Mir fällt dazu sehr viel ein, und ich habe ein bisschen mitgeschrieben.

0:55 Ich weiß nicht, ob das genau der Operationssaal ist, in dem mein SADI-S gemacht wurde, aber ziemlich genau so hat es dort ausgesehen. Allerdings waren *viel* mehr Leute dabei, ca. acht, die ich gesehen habe, und alle wollten gleichzeitig was von mir. Das Gewusel kommt auch sonst im Fernsehen überhaupt nicht rüber.

1:10 3.000 Adipositas-OPs werden jährlich in Österreich gemacht. Zum Vergleich: Hüftprothesen sind es etwa 20.000. Es kommt dabei viel auf die Erfahrung des Operateurs und des Teams an, deswegen geht man für so etwas nicht einfach irgendwo hin, weil die dort vielleicht netter sind.

1:57 Der Junge ist noch viel besser beisammen, als ich es war. Aber auch er hat das Team gleich vorgewarnt, dass weite Strecken zu Fuß nicht drin sind. Für mich war am Ende eine “weite Strecke” weniger als ein Kilometer.

3:18 Online-Lieferdienste sind Top-Enabler für eine Esssucht! Die “Droge” ist jederzeit fast sofort verfügbar. Das führt jede Strategie, die darauf beruht, dass ich gezielt nur das einkaufe, was ich wirklich brauche, ad absurdum. Für Singles ist das noch schlimmer, weil man fast immer eine Nachspeise oder, im besseren Fall, einen Salat dazu bestellt, um auf den Mindestbetrag zu kommen.

3:32 Krankheiten im Kleinkindalter: Bei mir war das ähnlich. Ich hatte ständig Angina und Mittelohrentzündung, bekam deswegen schon mit vier Jahren die Mandeln entfernt. Ab da habe ich begonnen zuzunehmen. Der Grundstein war also wahrscheinlich schon mit zwei Jahren gelegt.

5:04 Kino: Das kenne ich gut. Ins Kino gehe ich nur mit guten Freunden, die mich in die Mitte nehmen und wissen, wie viel Platz ich brauche. Neben Fremden zu sitzen geht gar nicht. Theater, Vorträge und dergleichen, wo es Sitzreihen gibt, gehen bestenfalls, wenn ich einen Platz am Rand bekomme, aber auch dann nicht immer.

7:36 Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass man das grottige Selbstwertgefühl auch überkompensieren und sich extra laut geben kann. Bei mir ist es das genaue Gegenteil: Ich bin extrem gut darin, im Hintergrund zu verschwinden und nicht beachtet zu werden. Das ist so internalisiert, dass ich das oft auch dann tue, wenn es mir eigentlich (zum Beispiel beruflich) schadet.

7:58 Oh ja, das kenn ich gut, Lokale danach auszuwählen, ob mich das Mobiliar wohl aushält. Schlimmer als Sessel sind da übrigens oft Barhocker. Ganz schlimm auch diese Rohrsessel, wie sie in vielen Gastgärten stehen, die werden nach kurzer Zeit echt schmerzhaft.

8:25 Fahrrad: Ich war knapp davor, mir ein Lastenrad zu kaufen, nur um mich selber zu transportieren. Im Geschäft wurde ich dann zum Glück exzellent beraten und erwarb mein jetziges, auch extra verstärktes Gerät. Grundsätzlich gibt es fast für jede_n auf dem Markt das passende Rad, allerdings nicht immer zu sozialverträglichen Preisen.

8:35 Da im Hintergrund am Tisch stehen eine Flasche Cola und eine Zitronenlimonade. Beides ist für mich in nächster Zeit streng verboten, nicht nur wegen des Zuckers, sondern auch wegen der Kohlensäure, die den Magen stark dehnt.

9:12 “Ich will so nicht mehr leben.” Genau der Satz war bei mir auch der Wendepunkt.

10:02 Ein bisschen Hintergrund. Adipositas ist eine Erkrankung. Bitte nicht vergessen! Man kann von dieser Sucht nicht clean werden, weil man täglich mit der “Droge” konfrontiert wird. Auch bei anderen Süchten gibt es Leute, die mit “kontrolliertem Konsum” zurecht kommen. Die Erfolgsrate liegt allerdings im Promillebereich. So ist es auch bei Adipositas.

10:35 “I woa a Würferl”. Bei mir war der Bauchumfang fast so lang wie die Körpergröße. Ich habe mir mich dann als quadratischer Bettvorleger vorgestellt.

11:10 Die Passage spricht mir aus der Seele. Natürlich werde ich auch von wildfremden Leuten auf der Straße beschimpft, früher gelegentlich auch von “Freunden” und Bekannten, die dachten, sie dürften oder sollten mir ins Gewissen reden. Nein, das ist nicht hilfreich. Ihr könnt mir nichts (Böses) sagen, das ich nicht schon weiß, und eure Abwertungen bestärken mich nicht! Tuscheln, mit dem Finger Zeigen, kommt alles vor. Was noch dazu kommt, ist, dass ich diese Dinge mit der Zeit so internalisiert hatte, dass ich den Leuten sogar recht gab und mich immer mehr versteckte, unsichtbar machte, möglichst unaufdringlich gab.

12:35 Die Diskriminierung im Alltag kann unvorstellbare Ausmaße annehmen. Das Beispiel mit dem “Bärli” ist besonders radikal, aber nicht substanziell anders als Erlebnisse, die auch andere Leute machen.

12:55 So einen “Konrolltermin” vor der OP auf der Station hatte ich nicht. Ich glaube, das war eher fürs Fernsehen inszeniert.

13:06 Der Junge hat einen BMI von 56. Meiner war noch etwas höher, knapp über 58. Die Einheit ist übrigens kg/m². Das liegt daran, dass die Körpergröße linear wächst, das Gewicht aber mit dem Volumen, also der dritten Potenz. Natürlich ist das nur ein grober Wert, der viele konkrete Gegebenheiten nicht berücksichtigt. Eine andere gute Maßzahl ist der Bauchumfang, weil sich hier das gefährlichste Fett anlegt.

13:25 Auftritt Dr. Prager. Das ist der Chirurg, der auch mich operiert hat. Gesehen habe ich ihn allerdings nur einmal für ein paar Minuten, bei der Visite am Tag nach der OP. So ein ausführliches Beratungsgespräch hatte ich nie. Das “Gespräch” wirkt auf mich auch ein bisschen geschauspielert. Stattdessen hatte ich am Tag vor der OP ein kurzes Gespräch mit der Stationsärztin, die aber keine Spezialistin war und zwischendurch auch weg musste.

13:53 ein Y-Roux (sprich “Üpsilon Ruh”) oder Roux-en-Y Magenbypass ist quasi der aktuelle Goldstandard der Adipositaschirurgie. Das heißt aber nicht, dass er für jede_n Patient_in die beste Wahl ist. Im AKH haben sie die meiste Erfahrung mit verschiedenen Methoden und entscheiden für jede_n individuell. Das ist meines Erachtens auch ein großer Vorteil gegenüber anderen Krankenhäusern, wo das Repertoire an Methoden vielleicht etwas eingeschränkter ist.

14:40 Es beginnt eine Passage, wo hinterfragt wird, warum überhaupt operiert wird. Die beste Aussage dazu kommt meines Erachtens etwas später von der Psychologin Elisabeth Ardelt-Gattinger, einer rennomierten Forscherin zu dem Thema. Wenn man alles versucht hat, ist es ein Glück, dass es diese Option auch noch gibt. Ich habe niemanden getroffen, der sich einfach so, aus Lust und Laune, unters Messer legt. Alleine die Andeutung macht mich wütend! Und es ist auch nicht leicht, danach mit der Situation umzugehen, es wird nur überhaupt erst möglich.

15:40 Das ist die Station, auf der ich war. Auf den Sesseln bin ich letzte Woche auch oft gesessen.

16:33 Dr. Prager spricht es an: Extrem Übergewichtige können noch so gut sein, wir sind am Arbeitsmarkt stark benachteiligt. Anders als Leute z. B. mit ausländisch klingenden Namen werden wir, so habe ich es zumindest wahrgenommen, zwar zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, aber wir sind dort signifikant seltener erfolgreich. Dazu kommt, dass ich mich auf bestimmte Jobs gar nicht bewerbe. Wenn ich mit wechselnden Arbeitsplätzen rechnen muss, also keinen eigenen Sessel habe, weil ich als Consultant alle paar Wochen in einer anderen Firma bin, kann ich das aktuell nicht machen. Auch Großraumbüros mit Desk Sharing sind ein No Go.

17:00 Psychologische Begleitung ist “ganz, ganz wichtig”. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich arbeite seit Jahren mit einer Therapeutin und werde sie auch weiterhin noch eine Zeit lang brauchen. Zum Glück kann ich mir das leisten. Billig ist das nämlich nicht. “…und das kriegen alle Patienten bei solchen Eingriffen.” Naja. Ein bis zwei Sitzungen, das wars. Reicht nicht annähernd, aber ja, geringfügig besser als nichts.

17:17 Die folgenden Bilder haben mich sehr erstaunt, aber im Prinzip bin ich auch so dort gelegen. Zugedeckt war ich allerdings nicht, sondern ganz nackt. In der Situation war ich aber ohnehin schon maximal exponiert, da kam es darauf auch nicht mehr an.

18:40 Wir sehen ein Krankenzimmer. Offenbar Sonderklasse. Ich war jedenfalls nicht alleine im Zimmer, und die Aussicht war auch nicht so großartig.

20:20 So extrem war es bei mir nie. Ich habe immer gearbeitet und bin dazu auch raus gegangen.

21:30 Auch so eine persönliche diätologische Beratung hatte ich nicht. Es gibt eine Gruppenschulung, allerdings findet die statt, bevor die OP-Methode feststeht. Bei meiner Methode kam dazu, dass die auch von den Fachleuten noch kaum wer im Detail kennt und eher ich erklären musste, was da genau gemacht wird.

21:32 Mein Magen ist jetzt übrigens ca. 70ml groß, also auch nicht so viel größer als die Becher, die dort stehen.

21:50 Sich zum Essen zwingen: Das haben sie mir auch gesagt, könnte ich bis jetzt aber nicht bestätigen. Ich könnte ständig essen! Die Sucht ist ja nicht weg, und Hunger hatte ich auch davor so gut wie nie. Bei mir ist die Herausforderung eher, halbwegs in gleichen zeitlichen Abständen zu essen.

26:12 Übergrößenabteilung hilft mir auch nicht wirklich weiter, weil alles, das mir um den Bauch passt, viel zu lange Hemden und Ärmel hat. Ich habe in den letzten Jahren ausschließlich bei einem von diesen Internetschneidern maßschneidern lassen.

26:45 Leberkäse! Irgendwann werde ich trotzdem einen Leberkäskrapfen probieren, wenigstens einen halben. Das wird aber noch ein paar Monate dauern. Ich bin natürlich sehr gespannt, wie das wird. Mir hilft wahrscheinlich, dass ich schon seit 2017 kein Schwein mehr esse, da scheiden viele von den regionalen Junk-Food-Angeboten von vornherein aus.

27:07 Sie beschreibt recht anschaulich, wie sie mit der Sucht umgeht. Für mich ist das natürlich Zukunftsmusik.

31:30 Ein wichtiger Punkt: Letztverantwortlich für meine Gesundheit bin ich selbst, nicht der Arzt und auch sonst niemand. Diese Verantwortung kann ich besser wahrnehmen, wenn ich mir alle Informationen hole, die ich kriegen kann. Ich schreibe diesen Blog auch, damit er vielleicht Anderen ein bisschen weiter hilft.

31:53 Die trinken Alkohol! Für mich ist das im Augenblick unvorstellbar.

33:55 Eine Diät “ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann.” Warum hat mir das nur vor 40 Jahren niemand gesagt?

34:26 Meine Operation hat auch länger gedauert als geplant, und ich weiß bis jetzt nicht, warum.

34:45 Der Magen! Schaut ihn euch an! Der hängt da wie beim Fleischhauer! Ich frage mich, wie sie den durch die winzigen Schnitte im Bauch überhaupt heraus bekommen haben. Bei meiner nächsten Kontrolle muss ich die Frage unbedingt auch stellen. Ich verstehe auch nicht genau, wieso der noch Sackform hat und nicht aufgeschnitten ist. Wenn ich es herausfinde, lasse ich es euch wissen. (Oder weiß es wer? Dann bitte um eine Erklärung in den Kommentaren.)

34:51 Der junge Chirurg am rechten Bildrand, Dr. Felsenreich, ist selbst schon ein namhafter Forscher auf dem Gebiet. Ich hatte gelegentlich bei Visiten mit ihm zu tun. Einer von denen, die auch ausgezeichnete Bedside Manners mitbringen, was leider nicht für alle gilt.

35:17 Zum Stichwort “Narkose durch Experten”: Ich bin sogar schon einige Sekunden, bevor der Tubus entfernt war, aufgewacht. Diese Erfahrung hätte ich mir an sich gerne erspart. “Putzmunter” ist allerdings nicht ganz der treffende Ausdruck.

35:42 Ich musste auch ein bisschen mithelfen, aber ich bin nicht sicher, ob mein Beitrag wirklich so hilfreich war.

35:52 Klar ist der Junge nervös. Warten musste er auch noch. Ich war zu dem Zeitpunkt knapp davor, die OP abzusagen. Zum Glück haben sie mir die Option gar nicht eröffnet.

36:08 Was Adrian da in der Hand hält, ist übrigens ein Atemtrainingsgerät. Das hatte ich in den Stunden vor der OP auch. Man soll damit vor allem stark ausatmen. Das dient dazu, den Sauerstoffgehalt in der Lunge zu erhöhen.

37:02 Natürlich sollte die Operation gut überlegt sein, und natürlich wird sie nur in speziellen Zentren vorgenommen. Ist ja nicht so, also ob das jeder Dahergelaufene einfach so könnte.

37:17 Grundsätzlich gebe ich Pilz recht, dass wir uns genau anschauen müssen, welche systemischen, gesellschaftlichen Ursachen die aktuelle Adipositas-Epidemie hat, aber wie sie es sagt, ist nahe am Harrassment. Das empfinde übrigens nicht nur ich so. Keine_r der Beteiligten lässt sich leichtfertig auf diese OP ein, und schon gar nicht bei Jugendlichen! Ob das jetzt “der Ausweg” ist oder nicht, für uns ist es die einzige verbliebene Option. Jede OP, die wegen so einer Aussage nicht gemacht wird, verursacht unnötiges menschliches Leid. In ihrer Rolle sollte sich Pilz wirklich genauer überlegen, was sie redet und vor allem, wie sie es sagt.

37:49 So eine_n Patient_in würde ich gerne kennen lernen, die oder der sich die “letzten zehn Kilo” (selbst das schon ein absurdes Konzept, bei mehr als 100 Kilo Übergewicht fällt das kaum ins – buchstäblich – Gewicht) auch noch extra angegessen hat, um dann operiert zu werden. Die von Pilz kritisierte “positive Darstellung der Adipositaschirurgie” hilft vielen von uns überhaupt erst dabei, diesen Schritt, in meinem Fall viel zu spät, zu wagen. Pilz will in der Volksschule ansetzen, und auch das wäre für mich schon zu spät gewesen. Ich wusste damals schon jede Menge über Ernährung (und Diäten), und die Sucht war zu der Zeit ebenfalls schon ausgeprägt. Ihre Programme und auch ein Werbeverbot hätte mir nicht geholfen, höchstens eine langfristig angelegte Therapie, und sogar da habe ich meine Zweifel.

38:40 Der Kinderarzt sagt das auch gleich: Prävention muss schon in der Schwangerschaft und bei Neugeborenen ansetzen. Mir ist allerdings nicht klar, wie wir die betroffenen Kinder in der Phase finden.

41:20 Ich werde natürlich auch jede Menge überschüssige Haut haben. Vor allem trage ich eine riesige Bauchschürze vor mir her, die ich unbedingt entfernen lassen möchte. Bei den Eltern einzuziehen ist für mich allerdings keine Option. Da muss ich überlegen, wie ich das machen kann.

45:53 Die Schwester finde ich übrigens super süß, und sie unterstützt ihn ganz wunderbar. Meine Geschwister machen das zum Glück genauso.

Fazit: Die gezeigten Patient_innen sind eigentlich völlig andere Menschen als ich, und dennoch haben wir so viel gemeinsam. Vielleicht schaffe ich es sogar irgendwann, mich bei der Selbsthilfegruppe zu melden. Kontaktdaten habe ich schon. Ich stehe ja noch ganz am Anfang meines Weges und habe alle Zeit der Welt.

Was ist eigentlich ein SADI-S, und wie spricht man das aus?

159 Kilo Mensch.

Erfunden wurden die Vorfahren meiner Operation seinerzeit in Wien. Theodor Billroth, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Wiener Universität lehrte und forschte, wird der Verdienst zugeschrieben, die Chirurgie, und hier vor allem die des Bauches, auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben zu haben. Was das mit mir zu tun hat? Billroth entfernte einer Patientin 1881 erfolgreich große Teile des Magens und verband den Rest mit dem Dünndarm. Freilich ging es damals noch nicht um Adipositas, sondern um ein lebensbedrohliches Karzinom, das Billroth auf diese Weise entfernte. Noch heute sind die zwei verbreiteten Operationsverfahren zu diesem Zweck nach Billroth benannt.

Zeitsprung: Etwa 100 Jahre später entwickelten sich die ersten Verfahren, die krankhaft übergewichtigen Menschen auf chirurgischem Weg ein menschenwürdiges Leben ermöglichen sollte. In den 1970er Jahren wurden drei wichtige Methoden entwickelt, die heute noch angewandt werden: das Magenband, der Schlauchmagen, und der Magenbypass. Die drei Methoden versprechen unterschiedlich hohe Gewichtsabnahme. Jede kommt mir ihrer eigenen Menge an Risiken. Gemeinsam ist allen drei Methoden, dass sie erst zur Anwendung kommen, wenn die Patientin oder der Patient belegen kann, dass andere, konventionelle Methoden Gewicht zu reduzieren erfolglos blieben. Über die vielen Untersuchungen und Gutachten, die ich vor der OP sammeln musste, habe ich in früheren Beiträgen schon geschrieben.

Ein Magenbypass ist im Prinzip eine fast direkte Verbindung von der Speiseröhre zu einer unteren Stelle des Dünndarms. Es bleibt nur mehr ein kleiner Rest des Magens erhalten – vor allem nicht der Schließmuskel am Magenausgang -, die Speisen gehen rasch in den Darm über. Der Rest des Magens wird aber nicht entfernt. Die Leber leitet nach wie vor Gallenflüssigkeit in den stillgelegten Teil des Darmes. Verdauungssäfte und Speisebrei treffen erst recht spät aufeinander. Es bleibt nur ein kurzes Stück Dünndarm, in dem die Nährstoffe aus der Nahrung ins Blut aufgenommen werden können.

Diese Methode hat einige Nachteile, die daraus entstehen, dass die Nahrung nicht im Magen vorverdaut, also zerkleinert und chemisch gelöst wird. Der Schlauchmagen, bei dem der Magen einfach der Länge nach verkleinter wird, führt wiederum oft zu keinem ausreichenden Gewichtsverlust. Außerdem können Patient_innen den Magen später wieder dehnen und sogar bis zum Ausgangsgewicht wieder zunehmen.

Seit 2007, nach medizinischen Maßstäben also praktisch seit gestern, gibt es ein Verfahren, welches darauf beruht, dass im Prinzip beide Methoden kombiniert werden. Der Magen bleibt in verkleinerter Form erhalten. Meiner ist jetzt noch immer 30 Zentimeter lang, hat aber aktuell nur mehr einen Innendurchmesser von anderthalb Zentimetern, was ein Volumen von weniger als 70 Millilitern ergibt. Der Begriff “Schlauchmagen” ist also mehr als gerechtfertigt. Wichtig ist, dass dabei der Magenausgang und also die ursprüngliche Funktion des Magens erhalten bleibt. Zusätzlich wurde ein paar Zentimeter unterhalb des Magenausgangs der Darm abgetrennt und mit einer künstlichen Öffnung etwa zwei Meter vor dem Ende des Dünndarms “kurzgeschlossen”. Der Rest des Dünndarms muss aber nicht die Verdauungssäfte aus der Leber transportieren.

Von der einzelnen Öffnung, mit der der Darm kurzgeschlossen wird, hat das Verfahren seinen Namen: SADI steht für “Single Anastomosis Duodenal-Ileal Switch”, also Verbindung des Zwölffingerdarmes mit dem unteren Dünndarm mit nur einer Öffnung. Das “-S” steht für “mit Sleeve”, also Ärmel. So heißt ein Schlauchmagen auf englisch.

Alle Methoden werden laparoskopisch ausgeführt, das heißt, mit dünnen Instrumenten nur durch einige kleine Schnitte in der Bauchdecke. Ich habe es ja sonst nicht so mit Selfies, aber hier seht ihr zwei Bilder von meinem Bauch einen und zwei Tage nach der OP.

Diese winzigen Schnitte haben viel damit zu tun, dass man das Krankenhaus so schnell wieder verlassen kann, oft schon vier Tage nach der OP. In meinem Fall wäre das der kommende Freitag.

Ich habe übrigens lange gerätselt, wie man “SADI-S” ausspricht. Einfach ein Wort, “Sadis”? Oder doch “Sadi Ess”? Oder englisch, “saydis”? Hier im Haus wird überwiegend die zweite Variante verwendet, aber ganz so sicher scheint sich auch hier niemand zu sein.

Im nächsten Beitrag schreibe ich etwas zu Abnehmzielen, die man sich nicht setzen soll, Meilensteinen, die ich mir trotzdem setze, und Erfahrungen mit einem SADI-S. Spoiler: Die erreichbare Gewichtsreduktion ist größer als bei allen anderen Verfahren.