“Setz dir bloß kein Abnehmziel!”

156 Kilo Mensch.

Ich muss jetzt einmal etwas Grundlegendes zum Abnehmen loswerden: Natürlich ist eine Adipositas-OP nur der letzte Ausweg. Ärzte und Krankenkassen wollen Belege dafür, dass man nahezu Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um auf anderem Weg Gewicht zu verlieren, sonst machen sie es nicht. Und das ist auch gut und richtig so. Trotzdem gibt es immer mehr auch junge Leute, bei denen das Essverhalten schon so grundlegend verdorben ist, dass eine OP für sie die Rettung ist.

In diesem Beitrag habe ich schon angedeutet, wie leicht es ist, Gewicht zu verlieren, vorausgesetzt, es ist nicht zu viel, und man darf es gleich danach wieder zunehmen. Auf meine erste Tausendkaloriendiät hat mich meine Mutter so in etwa mit 12 Jahren gesetzt. Seit damals bestand mein Leben aus verzweifelten Versuchen, schlanker zu werden oder mein Gewicht wenigstens zu halten, immer wieder unterbrochen von Phasen der Verzweiflung, in denen ich resigniert hatte und keinerlei Rücksicht auf meine Ernährung nahm.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, von 2000 bis 2005, da habe ich erfolgreich 30 Kilo abgenommen. Das geschah allerdings nicht kontinuierlich, sondern in Wellen von jeweils etwa fünf Kilo, unterbrochen von monatelangen Phasen der Stagnation. Das ist an sich ganz normal und steht mir auch jetzt bevor. Weil ich das damals aber noch nicht wusste, fand ich es allerdings sehr frustrierend. Ich hatte damals noch meine kaputte Hüfte und konnte mich kaum und nur unter großen Schmerzen bewegen, also ging das auch praktisch ausschließlich über Nahrungsverzicht. Letzten Endes war jedoch auch diese subjektiv sehr entbehrungsreiche Phase nicht aufrecht zu erhalten. 30 Kilo ist nicht nichts, und ich konnte den Unterschied durchaus sowohl sehen als auch spüren, aber mein Normalgewicht schien für mich trotzdem unerreichbar wie eh und je.

Und jetzt? Am Anfang dieses Abenteuers trennten mich vom Normalgewicht tatsächlich um die 100 Kilo, und ich referenziere auch immer wieder auf diesen Wert. Letzten Endes kommt es aber nicht darauf an, sondern darauf, welche Lebensqualität mir das Abnehmen zurück gibt.

Wie messe ich jetzt diese Lebensqualität? Das ist eigentlich recht leicht. Ich muss mir nur vor Augen führen, welche Einschränkungen mit mein Leibesumfang jetzt bringt, einzeln im Detail aufgezählt, und überlegen, bei welchem Gewicht das jeweils ein Ausmaß erreichte, dass es problematisch wurde. Diese mentale Übung drehe ich dann einfach um, und schon habe ich meine Meilensteine für die nächsten zwei Jahre.

Das Erste, das ich mir für diese Woche vorgenommen habe, ist, meine Hemden zu sortieren. Ich habe Hemden in allen Größen von 45 bis 52. Danach musste ich mir fast alles maßschneidern lassen und weiß daher keine Größen, aber auch da gibt es noch reichlich Spielraum. Ich nehme mir vor, gelegentlich eine kleinere Größe zu versuchen und zu sehen, ob sie mir schon wieder passt.

Ein paar andere Meilensteine:

200 kg: WC-Sitze. Nein, so schwer war ich nie, aber für die billigsten Wand-WCs (also die Muscheln, die nicht am Boden stehen, sondern an der Wand hängen) ist das jenes Gewicht, auf welches sie getestet sind. Teurere WCs sind auf 400kg ausgelegt. Das ist also eigentlich kein Risiko, so lange der Sitz korrekt montiert ist und ich nicht ausrutsche und mich hart hinsetze. Psychologisch ist das allerdings trotzdem ein Problem, vor allem, wenn der Kanalgottaltar schon etwas älter ist und beim Hinsetzen Geräusche von sich gibt. Ja, das kommt vor. Zweimal habe ich sogar einen Deckel ruiniert, weil ich mich schlecht hingesetzt hatte. Das waren die Momente, in denen ich mich am liebsten selbst hinunter gespült hätte. Aso, nein, geht ja nicht, das würde nur den Abfluss verstopfen.

150 kg: Radfahren. Mein Fahrrad ist mit seinem verstärkten Rahmen auf ein Gesamtgewicht von 170 Kilo ausgelegt und hat selbst etwa 20 Kilo. Es bricht natürlich nicht sofort zusammen, wenn man es schwerer belädt, aber vor allem die Bremsen werden mit der Zeit ein Schwachpunkt. So eine hohe Masse ist schon merkbar schwerer herunter zu bremsen, die Bremswege sind länger und das Unfallrisiko höher. Ich trage dem natürlich Rechnung und fahre extra vorsichtig und nie besonders schnell.

140 kg: Autofahren. Bei diesem Gewicht konnte ich die ersten Sicherheitsgurten nicht mehr schließen, und die Sitzposition war, wenn ich selber gefahren bin, ein Kompromiss aus Über-die-Motorhaube-Sehen und Lenkrad-noch-frei-bewegen-Können. Ich habe schon lange kein eigenes Auto mehr, und in der Stadt fehlt es mir auch so gut wie nie, aber das Problem mit dem Gurt habe ich auch im Taxi oder wenn ich woanders mitfahre.

130 kg: Schuhe, die keine Crocs sind. Im Moment besitze ich nur ein Paar solcher Schuhe, und die trage ich mit Crocs-Einlagen. Das Material ist einfach Balsam für belastete Gelenke, in meinem Fall vor allem die Knie und die Knöchel. Das sehen übrigens fast alle stark Übergewichtigen, die ich kenne, genau so. Zum Glück gibt es von Crocs inzwischen eine hinreichende, wenn auch nicht umwerfene Auswahl an Modellen, denen man nicht auf den ersten Blick ansieht, woher sie kommen, aber es wäre doch wieder nett, Schuhe einfach nur deswegen tragen zu können, weil sie mir gefallen.

120 kg: Zahlreiche Möbel, zum Beispiel Schreibtischsessel. IKEA testet seine Drehstühle mit Gasdruckfeder bis 110 Kilo, die meisten anderen Hersteller entweder bis 100 oder bis 120. Ich musste im Büro um einen Spezialsessel bitten, einfach weil die Gasdruckfedern der normalen Ausstattung immer spätestens nach ein paar Monaten über den Jordan gingen. Das bedeutet natürlich auch, dass ich keine Jobs mit wechselnden Arbeitsplätzen annehmen kann. (Über meine Diskriminierungserfahrungen als Adipöser am Arbeitsmarkt schreibe ich vielleicht einmal extra.) Das schränkt die Auswahl in meinem Beruf sehr stark ein, weil das ganze Consulting-Business wegfällt. Natürlich hat das auch Auswirkungen auf das Gehalt, das ich erzielen kann.

115 kg: Sessel mit Armlehnen. Verwechselt das jetzt bitte nicht mit Manspreading: Bei den meisten Männern hat es keine anatomischen Gründe, warum sie ihre Knie im Sitzen weit auseinander stehen lassen. Bei mir allerdings schon. Die Mechanik funktioniert ungefähr so: Meine weit hinunter hängende Bauchschürze kommt auf den Oberschenkeln zu liegen und drückt diese auseinander. Die Adduktoren, also die Oberschenkelmuskeln, die die Beine zusammen halten, sind zu schwach, um den Bauch lange zu tragen. Dadurch drückt die Außenseite meiner Oberschenkel starkt auf die vertikalen Stützen der Armlehnen. Blöderweise habe ich an diesen Stellen Operationsnarben von meinen Hüften. Dadurch ist das Sitzen in solchen Sesseln nicht nur unbequem, sondern wird mit der Zeit auch recht schmerzhaft.

110 kg: Klappsessel. Da gibt es natürlich unterschiedliche Modelle, die auch unterschiedlich stabil sind. Besonders vertrauenerweckend finde ich Klappsessel aber nie. Wenn ich einmal gar keine andere Wahl habe, bemerke ich, wie ich so starr wie möglich da sitze und mich keinesfalls bewege. Auch das geht mit der Zeit auf die Gelenke.

105 kg: Bahnfahren. In der 2. Klasse nämlich. Der Platz dort reicht einfach nicht. Dabei geht es nicht nur darum, ob das für mich bequem ist oder nicht, vielmehr ist das eine der Situationen, in der ich besonders oft von Leuten angegriffen werde. Die Frage, ob ich eh zwei Tickets habe, ist da das Freundlichste.

100 kg:Roller. Die gängigen Microscooter sind bis 100 Kilo Zuladung getestet. Ich finde, so einer wäre die perfekte Ergänzung, wenn ich aus irgendwelchen Gründen nicht mit dem Rad fahren kann, sondern die Öffis nehmen muss. Die in Wien verfügbaren Lime-S Elektroscooter sollen zwar übrigens bis zu 154 Kilo Zuladung erlauben, und ich kann es kaum erwarten einen auszuprobieren, aber ein bisschen Spielraum werde ich doch lassen. Mal schauen, wie das bergauf funktioniert.

90 kg: Theater. Kino. Eigentlich überall, wo Sesselreihen stehen. Es ist einfach zu peinlich, zwei bis drei Sitze beanspruchen zu müssen, nicht an Sitzenden vorbei zu können, selber jedes Mal aufstehen zu müssen, wenn jemand vorbei will… Das Potenzial für Demütigungen ist einfach grenzenlos. Ich kenne das Burgtheater und die Staatsoper bis jetzt nur aus dem Fernsehen. Vielleicht mag mich nächstes Jahr, wenn alles gut geht, jemand dahin einladen.

Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Liste. Es gibt ein paar Dinge, die werde ich nie wieder können, weil sie nicht (nur) vom Gewicht abhängig sind. Dazu gehört alles, was mit Laufen, Fallen usw. zu tun hat, also auch Rummelplätze und dergleichen. Ich habe ja ein künstliches Hüftgelenk, und das darf ich keinen Stoßbelastungen aussetzen. Ich werde daher auch nicht joggen gehen können, sondern muss mir eine andere Form der Bewegung suchen. Radfahren ist natürlich gesetzt, aber es wäre schon nett, wenn ich noch ein, zwei andere Sachen wüsste, die ich gerne tue. Anregungen sind in dieser Hinsicht übrigens gerne gesehen.

Im freien Fall

157 Kilo Mensch.

Letzte Nacht brach im Zimmer plötzlich Hektik aus: Kurz vor zwei stürmten etwa fünf Leute in den Raum, schirmten das Nachbarbett von mir mit einem Paravent ab und begannen zu arbeiten. Wenig später wurde der gestern noch freundliche und lebenslustige Patient, der eine frische Niere erhalten und sich so gefreut hatte, dass er nicht mehr zur Dialyse muss, samt Bett aus dem Zimmer geschoben. Heute früh war sein Namensschild schon weg. Nur sein Necessaire lag noch beim Waschtisch.

Ich finde es sensationell, was die Leute im Wiener AKH heute schon alles können, und wie schnell sie viele Patient_innen wieder auf die Beine bringen, aber jede Operation birgt erhebliche Risiken und Schwierigkeiten, soviel ist klar. Man schneidet einem Menschen nicht einfach den Bauch auf und drinnen an den Organen herum, ohne dass das Konsequenzen hätte.

Da meine Operation eigentlich aus zwei im Wesentlichen unabhängigen Teilen besteht, nämlich dem Schlauchmagen und der Verkürzung des Dünndarms, sind auch die Risiken relativ weit aufgefächert. Vor allem können alle Nähte, also die im Magen ebenso wie die im Darm, reißen und aufgehen. Die Gefahr ist natürlich am Anfang am größten, aber grundsätzlich kann das sich bildende Narbengewebe auch nach Jahren noch reißen. So ein Bruch muss immer notoperiert werden und ist lebensbedrohlich. Durch den verkürzten Darm nehme ich nicht nur weniger dick machende Nährstoffe auf, sondern auch alle Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, und zwar nicht einfach linear, sondern in ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Ich muss daher ab sofort alle diese Stoffe künstlich zuführen, und zwar in Formen und Mengenverhältnissen, die dafür sorgen, dass im Blut genau die richtige Menge von jeder Zutat des Lebens verfügbar ist. Vielleicht schreibe ich dazu in einem späteren Beitrag mehr. Im Moment ist das noch etwas Zukunftsmusik.

Relativ neuen Operationsmethoden wohnt noch ein anderer, ganz logischer Nachteil inne. Der erste SADI-S wurde zwar schon 2007, also vor 12 Jahren, gemacht, aber diese Zeit reicht noch nicht, um genaue, durch belastbare Forschung belegte Erfahrungswerte zu haben, wie groß die Wahrscheinlichkeit nachteiliger Entwicklungen nach vielen Jahren ist. Magenbänder zum Beispiel werden heute nicht nur deswegen kaum mehr gemacht, weil sie nicht genug Wirkung zeigen, sondern es hat sich herausgestellt, dass diese unkomplizierte und eigentlich risikoarme Methode längerfristig durchaus auch ernsthafte Probleme erzeugt. Das Magenband kann etwa verrutschen, oder es bilden sich rundherum Verwachsungen, die im Extremfall auch erneute Operationen erforderlich machen.

Jetzt aber genug der düsteren Stimmung! Ich bin ja heute aus dem Spital entlassen worden, und es ist Zeit für eine erste Bilanz:

Ihr erinnert euch, dass ich bis zu 177 Kilo auf die Waage brachte, und dieses Abenteuer mit immer noch für gesunde Menschen unvorstellbaren 173 Kilo angetreten habe. Heute zeigte die Waage noch 157 Kilo, das sind bereits 20 weniger als der Höchstwert, und mehr als 15 weniger als mein Gewicht noch Ende Jänner. Das ist schon nicht nichts, würde ich meinen.

Ich darf vorerst damit rechnen, dass es in diesem Tempo weiter geht. Die fehlenden Langzeiterfahrungen mit einem SADI-S schlagen sich zwar auch bei diesem Thema nieder. Vor allem weiß man noch wenig darüber, ob und wie viele die Patient_innen in späteren Lebensphasen wieder zu nehmen. Grundsätzlich ist das bei allen Verfahren nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, vor allem, aber nicht nur, wenn man seinen Lebensstil nicht dauerhaft umstellt, den Magen wieder dehnt, und eine Kalorienbombe nach der anderen einwirft. Wir sprechen hier ja immer noch von der Behandlung einer Sucht, die natürlich nach wie vor besteht und auch im ganzen Rest meines Lebens nie verschwinden wird. Ich habe durchaus Gerüchte von Patienten gehört, die flüssiges Schlagobers trinken, oder von anderen, die sich von hunderten Mozartkugeln pro Tag ernährten – schön eine nach der anderen, nie zu viel auf einmal im Magen.

Die erste Zeit ist also auch aus diesem Grund eine Zeit des Lernens für mich – was kann ich meinem Körper zumuten, was verträgt er schlechter oder vielleicht gar nicht? Wie kann ich die benötigte Menge der richtigen Nährstoffe zuführen? Wie eine gefährliche Unterzuckerung verhindern?

Belohnt wird dieses Lernen, das zeigen Erfahrungswerte, zumindest in der ersten Zeit reichlich. Patienten mit einem SADI-S erzielen tendenziell einen höheren Gewichtsverlust als bei allen anderen Verfahren. Gemessen in Prozent des Übergewichts, also des Ausgangsgewichtes minus dem Normalgewicht, erzielen Menschen mit SADI-S nach dieser Studie im Durchschnitt 30% Gewichtsverlust drei Monate nach der Operation, 55% nach sechs Monaten, 70% nach 12 Monaten, und nach zwei Jahren sind sie bis zu 85% ihres Übergewichtes los. Da mein Übergewicht ziemlich genau 100 Kilo betrug, tue ich mir beim Umrechnen von Prozent auf Kilo auch relativ leicht. Wenn ich mich also gut mit der OP und der umgestellten Ernährung zurecht finde, waren die 20 Kilo, die ich bisher abgenommen habe, wirklich nur ein Vorgeschmack.

Und jetzt zum Pferdefuß der ganzen Sache: In diesem Beitrag habe ich davon geschrieben, wie ein in Zahlen ausgedrücktes Abnehmziel, besonders so ein absurd hohes, wie ich es mir stellen müsste, immer unerreichbar scheint und oft genau dadurch auch unerreichbar wird. Daran ändert die Operation einmal grundlegend nichts. Selbst Leute, die durchaus große Teile ihres Übergewichtes abgenommen haben, sind dann oft enttäuscht, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Es besteht sogar, allerdings bedingt durch mehrere Faktoren, ein erhöhtes Suizidrisiko.

Ich habe mir daher überlegt, welche anderen (nicht Ziele, sondern) Meilensteine ich mir setzen kann. Davon mehr in einem späteren Beitrag.

Was ist eigentlich ein SADI-S, und wie spricht man das aus?

159 Kilo Mensch.

Erfunden wurden die Vorfahren meiner Operation seinerzeit in Wien. Theodor Billroth, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Wiener Universität lehrte und forschte, wird der Verdienst zugeschrieben, die Chirurgie, und hier vor allem die des Bauches, auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben zu haben. Was das mit mir zu tun hat? Billroth entfernte einer Patientin 1881 erfolgreich große Teile des Magens und verband den Rest mit dem Dünndarm. Freilich ging es damals noch nicht um Adipositas, sondern um ein lebensbedrohliches Karzinom, das Billroth auf diese Weise entfernte. Noch heute sind die zwei verbreiteten Operationsverfahren zu diesem Zweck nach Billroth benannt.

Zeitsprung: Etwa 100 Jahre später entwickelten sich die ersten Verfahren, die krankhaft übergewichtigen Menschen auf chirurgischem Weg ein menschenwürdiges Leben ermöglichen sollte. In den 1970er Jahren wurden drei wichtige Methoden entwickelt, die heute noch angewandt werden: das Magenband, der Schlauchmagen, und der Magenbypass. Die drei Methoden versprechen unterschiedlich hohe Gewichtsabnahme. Jede kommt mit ihrer eigenen Menge an Risiken. Gemeinsam ist allen drei Methoden, dass sie erst zur Anwendung kommen, wenn die Patientin oder der Patient belegen kann, dass andere, konventionelle Methoden Gewicht zu reduzieren erfolglos blieben. Über die vielen Untersuchungen und Gutachten, die ich vor der OP sammeln musste, habe ich in früheren Beiträgen schon geschrieben.

Ein Magenbypass ist im Prinzip eine fast direkte Verbindung von der Speiseröhre zu einer unteren Stelle des Dünndarms. Es bleibt nur mehr ein kleiner Rest des Magens erhalten – vor allem nicht der Schließmuskel am Magenausgang -, die Speisen gehen rasch in den Darm über. Der Rest des Magens wird aber nicht entfernt. Die Leber leitet nach wie vor Gallenflüssigkeit in den stillgelegten Teil des Darmes. Verdauungssäfte und Speisebrei treffen erst recht spät aufeinander. Es bleibt nur ein kurzes Stück Dünndarm, in dem die Nährstoffe aus der Nahrung ins Blut aufgenommen werden können.

Diese Methode hat einige Nachteile, die daraus entstehen, dass die Nahrung nicht im Magen vorverdaut, also zerkleinert und chemisch gelöst wird. Der Schlauchmagen, bei dem der Magen einfach der Länge nach verkleinter wird, führt wiederum oft zu keinem ausreichenden Gewichtsverlust. Außerdem können Patient_innen den Magen später wieder dehnen und sogar bis zum Ausgangsgewicht wieder zunehmen.

Seit 2007, nach medizinischen Maßstäben also praktisch seit gestern, gibt es ein Verfahren, welches darauf beruht, dass im Prinzip beide Methoden kombiniert werden. Der Magen bleibt in verkleinerter Form erhalten. Meiner ist jetzt noch immer 30 Zentimeter lang, hat aber aktuell nur mehr einen Innendurchmesser von anderthalb Zentimetern, was ein Volumen von weniger als 70 Millilitern ergibt. Der Begriff “Schlauchmagen” ist also mehr als gerechtfertigt. Wichtig ist, dass dabei der Magenausgang und also die ursprüngliche Funktion des Magens erhalten bleibt. Zusätzlich wurde ein paar Zentimeter unterhalb des Magenausgangs der Darm abgetrennt und mit einer künstlichen Öffnung etwa zwei Meter vor dem Ende des Dünndarms “kurzgeschlossen”. Der Rest des Dünndarms muss aber nicht die Verdauungssäfte aus der Leber transportieren.

Von der einzelnen Öffnung, mit der der Darm kurzgeschlossen wird, hat das Verfahren seinen Namen: SADI steht für “Single Anastomosis Duodenal-Ileal Switch”, also Verbindung des Zwölffingerdarmes mit dem unteren Dünndarm mit nur einer Öffnung. Das “-S” steht für “mit Sleeve”, also Ärmel. So heißt ein Schlauchmagen auf englisch.

Alle Methoden werden laparoskopisch ausgeführt, das heißt, mit dünnen Instrumenten nur durch einige kleine Schnitte in der Bauchdecke. Ich habe es ja sonst nicht so mit Selfies, aber hier seht ihr zwei Bilder von meinem Bauch einen und zwei Tage nach der OP.

Diese winzigen Schnitte haben viel damit zu tun, dass man das Krankenhaus so schnell wieder verlassen kann, oft schon vier Tage nach der OP. In meinem Fall wäre das der kommende Freitag.

Ich habe übrigens lange gerätselt, wie man “SADI-S” ausspricht. Einfach ein Wort, “Sadis”? Oder doch “Sadi Ess”? Oder englisch, “saydis”? Hier im Haus wird überwiegend die zweite Variante verwendet, aber ganz so sicher scheint sich auch hier niemand zu sein.

Im nächsten Beitrag schreibe ich etwas zu Abnehmzielen, die man sich nicht setzen soll, Meilensteinen, die ich mir trotzdem setze, und Erfahrungen mit einem SADI-S. Spoiler: Die erreichbare Gewichtsreduktion ist größer als bei allen anderen Verfahren.